Ausstellung

Lachen wider den Ernst der Lage

Die Bundeskunsthalle Bonn widmet sich Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst

In der Moderne seit dem 19. Jahrhundert im Allgemeinen und den klassischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts im Besonderen ist eine ganz spezifische Dialektik am Werk: auf der einen Seite kühne Innovationen, radikale Negation und  ästhetische Dogmen, auf der anderen Seite aber auch eine bestimmte Art von Humor – ein Lachen, das Spaß macht und gleichzeitig Konservatismus, Bigotterie, überkommene Moralvorstellungen und nicht zuletzt avantgardistische Ansätze unterläuft.

Indem es sich gegen den Gebrauch von Kultur zur Einschüchterung und Absicherung von Privilegien wendet, zeigt dieses Lachen, wie Autorität ihren Halt verliert, wenn die pompösen Gesten und Bilder von Helden entkräftet werden. Eine solche „enthusiastische Albernheit“ ist zugleich eine Grundlage vieler Kunstwerke. Dies zu zeigen hat sich eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle vorgenommen: „Ernsthaft?! Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst“ ist die epochenübergreifende Schau betitelt, die bis zum 10. April 2023 in Bonn und im Anschluss vom 13. Mai bis zum 27. August 2023 in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen Hamburg zu sehen ist.

„Ernsthaft?!“ präsentiert Werke von rund 100 Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt und spannt einen Bogen bis in die unmittelbare Gegenwart. Werke zahlreicher Künstler*innen sind in einer umfassenden Szenografie vertreten –  d darunter James Ensor, Marcel Duchamp und Francis Picabia, René Magritte, Giorgio de Chirico und Sturtevant, Alfred Jarry, George Grosz und Sigmar Polke und Martin Kippenberger bis hin zu zahlreichen zeitgenössischen Positionen der  Gegenwartskunst wie zum Beispiel Paul McCarthy, Nicole Eisenman, Fischli & Weiss, Isa Genzken, Pauline Curnier-Jardin, Kiluanji Kia Henda oder Ming Wong. Dabei kokettiert die Ausstellung mit dem Humor der Katastrophe, dem schlechten Geschmack, der B-Movie-Kultur, dem Camp-Ansatz, mit Science-Fiction und Horror sowie mit Unreife, Idiotie und Intuition.

Auch zuweilen herausfordernde Werke werden gezeigt, die eine Vielzahl künstlerischer Strategien umfassen und von historischen Werken bis zu neuen Produktionen reichen. Der Logik eines BMovie-Storyboards folgend, ist die Schau wie ein begehbarer Film konzipiert, mit einer Eröffnungsszene, der verschiedene „Akte“ oder „Kapitel“ folgen. Die Hauptidee der Ausstellungsmacher bestand darin, eine Umgebung zu schaffen, die die Betrachter*innen durch die verschiedenen Abschnitte der Erzählung leitet.

Zum Empfang hat sich der Bühnenbildner Adrien Rovero eine riesige, bonbonfarbene Umgebung mit Spiralsäulen und überdimensionalen gestreiften Wänden ausgedacht – inspiriert vom Luna Park, der auf Coney Island in New York 1903 eröffnet wurde und zur Blaupause für zahlreiche Vergnügungsparks weltweit geriet. In der zweiten Sektion werden Pioniere des respektlosen Humors gezeigt, von Pieter Bruegel dem Älteren über Alfred Jarry bis Elsa von Freytag-Lothringen, die als  Weggefährtin von Marcel Duchamp maßgeblichen Anteil an der Erfindung des Readymades hatte. Auch Karikatur und Film spielen in diesem Kapitel eine Rolle, um die Ursprünge der „enthusiastischen Peinlichkeit“ zu skizzieren, die ihren ersten Höhepunkt in den Collagen, Performances und Wortspielen des DADA fand. Im „Modernen Museum“ werden anschließend Werke des Surrealismus und andere Meisterwerke der Moderne auch in überraschenden Gegensätzen gezeigt.
Die Idee des ernsten Meistergenies und des Ausstellens von Kunst, zelebriert in klassischer Ästhetik, wird hier parodiert und gleichsam auf den Kopf gestellt. Der vierte Abschnitt widmet sich der Minimal Art und der Konzeptkunst ab den 1960er-Jahren, die von einer eher strengen Ästhetik dominiert wird, was einen eher trockenen Humor begründet.

Eine wichtige Inspiration für das Ausstellungsprojekt war der exzentrische amerikanische Filmregisseur Ed Wood (1924–1978), dessen Film „Plan 9 from Outer Space“ (1975) postum als „schlechtester Film aller Zeiten“ tituliert wurde. Trotz allem erlangten Wood und sein Film Kultstatus – und für die Schau diente die Arbeit des Regisseurs als eine Art Arbeitsinstrument, das Fragen des guten und schlechten Geschmacks, von Ironie, Slapstick und Trash und nicht zuletzt Peinlichkeit aufwirft. Das nächste Kapitel widmet sich dem Begriff des „Camp“ – der ästhetischen Sensibilität, die das Kitschige und den sogenannten „schlechten Geschmack“ zelebriert. „Wenn wir uns der Gegenwart nähern, treffen wir auf eine Realität, die so bizarr ist, dass jede Satire an ihr abprallt“, konstatiert das abschließende Kapitel „Post-Surrealismus / Post-Internet“: Es führt in eine zeitgenössische Welt mit Ansprüchen der Sozialen Medien, seltsamen Störungen und Absurditäten des zeitgenössischen Daseins.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Jörg Heiser und Cristina Ricupero und entstand in Kooperation der Bundeskunsthalle in Bonn mit den Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg und der Halle für Kunst Steiermark und der Neuen Galerie Graz/Universalmuseum Joanneum. Dort wird die Ausstellung im Anschluss an die Hamburger Station vom 13. Oktober 2023 bis zum 25. Februar 2024 gezeigt.

 


Auf einen Blick

Ausstellung: „Ernsthaft?! Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst“
Bis 10. April 2023

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Helmut-Kohl-Allee 4
53113 Bonn

Katalog

Ernsthaft?! Albernheit und Enthusiasmus in der Kunst

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (hrsg.), mit einer Einleitung von Jörg Heiser und Cristina Ricupero, Beiträge von Charlie Fox, Jean-Yves Jouannais, Rhonda Lieberman, Sianne Ngai, Noemi Smolik und Timotheus
Vermeulen, dt./engl., Klappenbroschur, 256 S. m. ca. 340 Farb- und S/WAbbildungen, 18 x 24,5 cm, Distanz Verlag, ISBN 9783954765157

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