Dawn Hoskin vermittelt einen vollständigeren Überblick über das queere Kunstschaffen und seine Geschichte
Kunst bildet seit jeher einen Möglichkeitsraum, in dem sich Ambiguitäten und Fluiditäten entfalten können. Gleichzeitig geben Kunstwerke immer auch Hinweise auf die zeitspezifischen Vorstellungen von Geschlechtlichkeit. Doch obwohl schon seit den 1970er-Jahren vor allem feministische Kritiken die Bedingungen infrage gestellt haben, unter denen Kunst und ihre Geschichtsschreibung bewertet wurde und wird, ist es nach wie vor eher eine Ausnahme als die Regel, soziale Aspekte und Dynamiken bei der Auseinandersetzung mit Kunst systematisch zu berücksichtigen. Das gilt insbesondere in Bezug auf Ethnie, Geschlecht und Sexualität. Hier setzt „Eine kurze Geschichte der queeren Kunst“ von Dawn Hoskin an. Das Buch vervollständigt die Kunstgeschichte, indem es unter anderem oft vergessene und verdrängte Werke von Künstler*innen queerer Kunst zeigt.
Historisch war queere Kunst meist verschlüsselt, weil homosexuelle und queere Identitäten lange gesellschaftlich tabuisiert und kriminalisiert wurden. Sie wurde häufig verborgen dargestellt, etwa mittels „Queer Coding“, einer verschlüsselten Bildsprache, die in der breiten Öffentlichkeit keinen Verdacht erregte, es gleichzeitig aber denjenigen, die mit den Symbolen der Subkultur vertraut waren, ermöglichte, die verborgenen Bedeutungen zu erschließen. Die unterdrückte Stimme queerer Künstler*innen äußerte sich auch in abstrakten, monochromen Werken, die heute dem Minimalismus zugeordnet werden, wie etwa die abstrakt-expressionistischen Gemälde der lesbischen Künstlerin Agnes Martin, die heute als eine Form queerer Selbstverwirklichung interpretiert werden.
Mit den gesellschaftlichen Bewegungen ab den 1960er-Jahren wurde queere Kunst sichtbarer. Künstler*innen wie Andy Warhol thematisierten offen queere Identitäten und Sexualitäten. Heute umfasst queere Kunst alle Genres, von Malerei über Skulptur bis zu Performance und Street Art. Sie zeigt gezielt queere Lebensrealitäten und feiert sexuelle Diversität. Dawn Hoskin erklärt in der Einleitung zu „Eine kurze Geschichte der queeren Kunst“ ihre Zielsetzung: „Dieses Buch wirft ein queeres Auge auf die Kunstgeschichte, um queere Resonanzen zu finden, heteronormative Interpretationen zu sprengen und Gemeinsamkeiten in Ausdruck und Erleben zu erkunden. (…) Wenn es um ‚Queerness‘ in der Kunst geht, hat das oft, aber nicht ausschließlich, mit den Biografien der Kunstschaffenden zu tun. Dieses Buch behandelt queer als Bandbreite aller heutigen LGBTQ+-Identitäten des Regenbogens (…),“ mit dessen Begriffen sich viele der besprochenen Künstler*innen identifizieren.
Die reich bebilderte Publikation erscheint in der Reihe „Eine kurze Geschichte …“ aus dem Laurence King Verlag und fügt sich in die Vorgaben ein, die der Untertitel nennt. Sie versteht sich als „ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Themen und Wendepunkte“: Von der Renaissance bis zum Afrofuturismus und zur Internetkunst wird auf je einer Seite eine Kunstrichtung in Hinblick auf queere Kunst vorgestellt – mit Informationen, wichtigen Vertreter*innen und einem Bildbeispiel. Es folgen 40 Schlüsselwerke der queeren Kunstgeschichte, die auf jeweils zwei bis vier Seiten leicht verständlich erklärt werden. Von Michelangelos David über Aubrey Beardsleys Pfauenkleid, Frida Kahlos Selbstbildnis mit kurz geschnittenem Haar, David Hockneys We Two Boys Together Clinging und Tamara de Lempickas Tamara im grünen Bugatti bis hin zu Alireza Shojaians Multimediainstallation Sous le ciel de Shiraz.
Kunstwerken liegen häufig Themen zugrunde, die auf das Leben und auf die menschliche Natur zurückzuführen sind. Das können philosophische Gedanken zur Kreativität, spezifische Interessen der Kunstschaffenden oder individuelle Gefühlslagen sein. Dawn Hoskin hat 30 Themen identifiziert, die von LGBTQ+-Künstler*innen immer wieder neu angesprochen und von -Betrachtenden erkannt werden. Sie werden auf jeweils einer Seite umrissen. Im letzten Kapitel des Buches werden unter der Überschrift „Wendepunkte“ Schlüsselmomente sozialer und kreativer Divergenz aufgeführt, „die das Aufblühen gewagter queerer Äußerungen erlauben, sowie Einflüsse queerer Kunstschaffender und konkreter Kunstwerke, die Mauern in der Kunstwelt durchbrochen haben“, beschreibt es die Autorin.
„Eine kurze Geschichte der queeren Kunst“ kann als ein Einstieg in die queere Kunstgeschichte verstanden werden, der einen schnellen, aber fundierten Überblick erlaubt. Zahlreiche Randnotizen und Querverweise in den jeweiligen Kapiteln laden aber auch dazu ein, zwischen den einzelnen Themen und Kapiteln hin- und herzuwechseln, Verbindungen herzustellen und Erkenntnisse zu vertiefen. Dabei helfen darüber hinaus ein umfassendes Register sowie eine Liste der Museen und Institutionen, in denen die Originale der im Buch vorgestellten Kunstwerke zu finden sind.
Über die Autorin
Dawn Hoskin ist Cultural-Heritage-Kuratorin beim britischen National Trust und kuratorische Leiterin des LGBTQ+-Lenkungsausschusses. Zuvor war sie Kuratorin am Londoner Victoria and Albert Museum und verantwortete als freie Kuratorin die preisgekrönte Eröffnungsausstellung „We Are Queer Britain“ (2022–2024) des ersten LGBTQ+-Museums in Großbritannien, Queer Britain.
International erkennen Galerien sowie Kuratorinnen und Kuratoren an Museen zunehmend queere Lesarten von Kunstwerken und Ausstellungen an. Aktuell ist beispielsweise die Ausstellung „Queere Moderne 1900 bis 1950“ in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW/K20 noch bis zum 15. Februar 2026 zu sehen.