Porträt

Mit Nadel und Pinsel gemalt

Die Künstlerin Meike Lohmann

Über unscheinbare Rampen, Treppen, eine Eisenbrücke und verschlungene Trampelpfade führt der Weg zu Meike Lohmanns Atelier in den Stuttgarter Wagenhallen. Nur in Begleitung der Künstlerin findet man vom Nordbahnhof aus zu den alten, beeindruckenden Backsteinremisen, in denen früher Waggons und Loks auf Gleisen geparkt wurden. Längst stillgelegt, dienen sie heute als Kulturzentrum mit Platz für Veranstaltungen, Konzerte und Ausstellungen sowie als pittoresker Rahmen für Räume von Akteur*innen verschiedener Kunstsparten.

Porträt Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler

Meike Lohmann
Foto: Tobias Ziegler

Eine intensive Instandsetzungs- und Um- und Neubauphase ging dem voraus. Gerade erst im letzten Jahr wurden in einer zentralen Halle zahlreiche Atelier-Kuben geschaffen, die – zu mehreren, freistehenden Blöcken zusammengefasst – in schnörkelloser Funktionalität einen starken Kontrast zur Architektur des aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gebäudes bilden. Tatsächlich passt diese Überlagerung verschiedener Zeitschichten ausgesprochen gut zur Kunst von Meike Lohmann, die ihr Studio in den Wagenhallen im Herbst 2020 beziehen konnte, nachdem sie wie andere Künstler*innen, Grafikdesigner*innen, Theaterleute oder Puppenspieler*innen von einer Jury ausgewählt worden war.

Die 1980 in Bad Soden geborene Malerin verschränkt in ihren Gemälden und Grafiken zeitlich gegensätzliche Zustände und sorgt damit für eine große, bildimmanente Spannung. In ihren durchgängig gegenständlichen Arbeiten treffen moderne urbane Bauten auf archaische Landschaften, Figuren oder Häuser aus vergangenen Epochen und geraten in neonartige Farbwirbel, oder gemütlich auf dem Wasser schaukelnde Boote sehen sich mit futuristisch-geometrischen Objekten konfrontiert. Doch es sind nicht nur diese inhaltlichen Widersprüche, sondern auch die unterschiedlichen Tempi in der Verwendung der künstlerischen Mittel, die hier so besonders sind.

Handling Landing, 2021, Acryl und Stickerei, 110 x 130 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.

Handling Landing, 2021, Acryl und Stickerei, 110 x 130 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler

In dem Gemälde Handling Landing von 2020 steuert ein altes, mit zwei Kahnstechern besetztes Boot durch eine unwirkliche Seenlandschaft. Im Hintergrund bauschen sich rasant ausgeführte, variiert rosafarbene Pinselschwünge zu Abstraktionen von Wolken oder Hügeln auf, während riesige Blüten in Rot-Orange durch die Luft flattern. Die ganze Szenerie ist in pinkfarbenes Licht getaucht, das sich in der Wasseroberfläche spiegelt und dort etwas von einem dunkleren, bläulichen Untergrund preisgibt. Die beiden Figuren in dem detailliert bezeichneten Kahn gleiten ihrerseits durch einen gelb-grünlichen Abschnitt. Das Wasser wirkt hier dickflüssiger, ist aber angesichts des Blütenwirbels immer noch erstaunlich glatt. Auch die opak-wabernden Nebel aus weißem Garn, die sich in Fahrtrichtung auftun und das Boot umgeben, liegen naturgemäß ruhig in der Landschaft. Hinzu kommen kleine, gestickte Kegel, die – sich an den Spitzen berührend – wie winzige Sanduhren aussehen und als bunte Lichtpunkte übers Wasser tanzen. Nichts ist gewiss in diesem Bild, schon gar nicht die im Titel angedeutete Landung des Bootes.

Meike Lohmann, die von 2002 bis 2008 die Klasse für Malerei von Peter Angermann an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg besuchte und sie als Meisterschülerin abschloss, unterlegt ihre Kompositionen teils mit mehreren Farbschichten und entwirft dann die grundlegende, räumliche Situation mit schnellen, gestischen Pinselbewegungen. Dafür braucht sie – wie sie im Atelier erzählt – häufig nur wenige Minuten. Mehr Zeit widmet sie der Ausgestaltung von Figuren, Häusern und anderem Dingbarem, hält diese oft in zeichnerischer Genauigkeit fest. Die größte Entschleunigung im Produktionsprozess generiert sie jedoch durch die Stickerei im Bild, die sie aufgrund der Möglichkeit einer flexibleren Handhabung nach der Geburt ihres Sohnes im Jahr 2013 für sich entdeckt. In dieser außergewöhnlichen, textilen Setzung innerhalb der Darstellung verbindet die mittlerweile in Ludwigsburg lebende Künstlerin Dauer mit Kontemplation, was in der Rezeption spürbar wird.

Akelei, 2020, Acryl und Stickerei auf Baumwolle, 40 x 30 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.

Akelei, 2020, Acryl und Stickerei auf Baumwolle, 40 x 30 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler

Doch die Stickerei ist bei Weitem nicht nur in den ruhigen Partien der Gemälde zu finden oder symbolisiert das Verstreichen von Zeit, so wie in den kleinen, oben beschriebenen Sanduhren. Sie nimmt gern auch temperamentvoller gestaltete Passagen auf, folgt – wie in dem Bild Lichtenhagen (2021) – bestimmten Farbschwüngen oder führt die Malerei – wie in der Arbeit Akelei von 2021 – in Verlängerung der Leinwand fort. Dabei könnte der Kontrast zwischen dem spontanen Duktus des ersten Farbauftrags und der zuletzt applizierten Äußerung nicht größer sein.

Das ist ebenfalls in dem aktuellen Gemälde Auf die Berge will ich steigen (2020) erkennbar, in dem sich die Darstellung in Form von langen, leuchtend gelben Fäden weit über die Grenzen des Bildes erstreckt. Darin stickt und webt die Künstlerin die Bewegung, das Nach-unten-Rutschen sonnenblumenheller Farbfelder weiter, die sich wie Gletscher in das Meer aus herabhängendem Garn ergießen.

Insgesamt zeichnen sich die jüngeren Arbeiten durch eine andersartige Leichtigkeit und Helligkeit aus. Das liegt Meike Lohmann zufolge an den Lichtverhältnissen im neuen Atelier, dessen Decke aus dicken Kiefernbalken und Plexiglas besteht. Darüber wird die gusseiserne Dachkonstruktion der Wagenhalle mit großen Fensterflächen sichtbar. Sobald sich Sonnenlicht in das Gebäude ergießt und sich weich in ihrem Studio verteilt, sind das für die Malerin nahezu ideale Bedingungen, da sie lieber bei natürlichem als bei künstlichem Licht arbeitet.

Während sie zu Studienzeiten Ölfarben benutzte, bringt sie heute Pigmente und deren Mischung mittels Eitempera und Acrylbinder auf die Leinwand. Nach wie vor greift sie aber auch zu intensiven dunkleren Tönen, dementsprechend finden sich in einem Regal Tüten mit Preußisch Blau, Caput Mortuum oder Phthalogrün. Natur- und Erdfarben wie Ocker oder Siena, die häufig im Frühwerk auftauchen, sind ebenfalls präsent. „Die Farbe sollte man sich am liebsten aufs Brot schmieren wollen“, zitiert die Künstlerin ihren Lehrer Angermann.

Durchgängig wird im Gespräch die Lust an der puren Malerei, die Auseinandersetzung mit der Stofflichkeit und Wirkung von Farbe spürbar – wie in den Arbeiten, die Lohmann 2019 nach einem Artist-in-Residence-Aufenthalt im finnischen Kokkola schuf. Dort faszinierten sie die dämmrige Helligkeit in der Nacht, die sich magisch schimmernd in dem Bild Zauberland (2019) ausbreitet, sowie die Menschen, deren traditionell gewandete Vorfahren auf einem eng besetzten Boot in History (2021) durch grün-gelbliche, wenig vertrauenserweckende Acrylschwaden mäandern.

Zauberland, 2019, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 70 x 50 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.

Zauberland, 2019, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 70 x 50 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler

Ein besonders starkes Eigenleben entwickelt die unheimlich anmutende Farblandschaft des Forellenhofs von 2019: Großflächig rinnen fluoreszierende Spuren durch die Dunkelheit, fließen von einem düsteren Himmel in einen blauen See und bleiben ohne inhaltliche Funktion als abstraktes, auch vom Zufall bestimmtes künstlerisches Mittel erkennbar – anders als die grünen Schlieren im rechten Bildvordergrund, die sich teils wie Reflexionen ausmachen. Ein hell beleuchtetes Haus sowie einige mit Nadel und Faden fixierte Lichtpunkte treiben wie eine Erscheinung davor.

Immer wieder versetzt Lohmann ihre selbst erschaffenen Welten in einen Schwebezustand, hebt gängige Tiefenstaffelungen auf, lässt Abstraktion und Gegenständlichkeit aufeinandertreffen und fordert die Betrachter*innen auf, die eigenen Gedanken – in Resonanz auf die vom Bild ausgehenden Impulse – darin zu verorten.

Reichlich Platz bietet dafür auch die Arbeit Balloon von 2016. Es zeigt nur die Hülle eines Gebäudes, surreal ragt das Dach ins Leere. Hier kommt der Prozess der Bildwerdung, dem unendlich viele Lösungen innewohnen, ebenfalls zum Ausdruck. Die Künstlerin liebt es, in ihren Werken zu addieren oder subtrahieren, Bauten, die sie meist auf der Basis fotografischer Vorlagen auf der Leinwand gestaltet, erheblich zu verändern. In einigen Gemälden sind sämtliche Lebensalter eines Hauses von der Entwurfsphase bis zum Verfall in ein und derselben Architektur vorhanden, wie beispielsweise in We are coming down (2011). Die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Stadien stellt sowohl die Prämisse von Kontinuität als auch die Existenz von Gegenwart in Frage. Mit großer selbst erprobter Freiheit führt Lohmann vor, wie Kunst dekonstruieren darf, ohne dabei ins Bodenlose zu kippen.

Während des Studiums interessiert sie sich vor allem für die Figur, für die sie gekonnt malerisch meist weite, in nachvollziehbarer Bildräumlichkeit und naturalistischer Farbigkeit verankerte Landschaften kreiert. Das unterschwellig rätselhafte Personal entlehnt sie den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts und nutzt Fotos aus einem persönlichen Familienalbum als Vorlagen, wie zum Beispiel in Ludeo (2009). Zunehmend löst sie sich dann von dieser relativ kompakten Bildstatik und platziert Menschen, Gebäude und Boote auf hellen Farbflächen, die wie Eisschollen oder schwimmende Inseln über die Leinwand driften. Vorder- und Hintergrund verschmelzen zu einer abstrakten Fläche, nur die Andeutung eines Horizonts suggeriert Tiefe (Waldsee von 2011).

Morisee, 2018, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 110 x 130 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Morisee, 2018, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 110 x 130 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Lichtenhagen, 2021, Acryl und Stickerei auf Baumwolle, 40 x 30 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Lichtenhagen, 2021, Acryl und Stickerei auf Baumwolle, 40 x 30 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Auf die Berge will ich steigen, 2020, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 85 x 125 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Auf die Berge will ich steigen, 2020, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 85 x 125 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
History, 2021, Acryl auf Baumwolle, 70 x 50 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
History, 2021, Acryl auf Baumwolle, 70 x 50 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Forellenhof, 2019, Mixed Media und Stickerei auf Baumwolle, 50 x 35 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Forellenhof, 2019, Mixed Media und Stickerei auf Baumwolle, 50 x 35 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Balloon, 2016, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 110 x 145 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Balloon, 2016, Mischtechnik und Stickerei auf Baumwolle, 110 x 145 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
We’re coming down, 20211, Kasein auf Baumwolle, 140 x 170 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
We’re coming down, 20211, Kasein auf Baumwolle, 140 x 170 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Ludeo, 2009, Öl und Kasein auf Baumwolle, 115 x 195 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Ludeo, 2009, Öl und Kasein auf Baumwolle, 115 x 195 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler
Waldsee, 20211, Eitempera und Öl auf Baumwolle, 70 x 92 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021/ Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler.
Waldsee, 20211, Eitempera und Öl auf Baumwolle, 70 x 92 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Meike Lohmann, Foto: Tobias Ziegler

In ihren Titeln greift die mit vielen Preisen und Stipendien ausgezeichnete Malerin assoziative Gedanken- oder Textschnipsel sowie Zitate auf, zu denen sie erst während der Arbeit oder im Anschluss daran findet und die sie deshalb nie als Ausdruck einer inhaltlichen Idee verwendet. Sie sind Teil von Meike Lohmanns konsequenter künstlerischer Gratwanderung zwischen Anschein und Auflösung, Vertrautem und Fremdem, der sie mit der zeitgenössischen Umwidmung traditioneller Handarbeit eine weitere Dimension verleiht.

Denn für sie symbolisiert die Stickerei immer einen gewissen Moment der Verletzung, die durch die Perforierung des meist aus Baumwolle bestehenden Bildträgers unabänderlich wird. Sie schreibt damit für sie wichtige Dinge fest, kann nichts mehr ändern, übermalen. Auch das Verweben von Fäden als Rekurs auf die Technik des Kunststopfens ist von inhaltlicher Bedeutung. Im übertragenen Sinn füllt sie damit Löcher des Vergessens, Lücken, die jeder Mensch im Rückblick auf die eigene Kindheit aufweist. Sie offeriert Erzählfäden, die die Betrachter*innen weiterspinnen, mit persönlichen Erlebnissen verknüpfen können. Mit Erinnerungen, die womöglich so verschlungen sind wie die Wege zu Meike Lohmanns Atelier in den Stuttgarter Wagenhallen.

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Profile

Meike Lohmann, geboren 1980 in Bad Soden am Taunus, studierte bei Prof. Peter Angermann an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und erzielte die Auszeichnung als Meisterschülerin. Nach diversen Artist-in-Residence Aufenthalten in den USA, Tschechien und Finnland lebt die freischaffende Künstlerin heute in Ludwigsburg. Ihre Arbeiten wurden unter anderem von der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in München und der Deutschen Bundesbank in Nürnberg angekauft.

[Foto: Tobias Ziegler]

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