Porträt

Im Sehen und Betrachten

In den Cevennen und in Berlin: die Malerin Dorothea Breick

Großartig, wie leichthin in diesen Bildern die Überschau der Wirklichkeit gelingt und sich doch alles in Details und atmosphärische Nuancen aufsplittert! Wie eng und kontrolliert hier Chaos und Ordnung beieinanderliegen! Die Malerei von Dorothea Breick ist lebhaft, fließend mit leuchtenden Farben, mit denen sie das Gegenständliche ihrer Darstellungen immer wieder verlässt und gleichzeitig im Übergang von einer Situation in die andere einfängt. Sie wahrt respektvoll Distanz, bleibt dazu auf überschauendem Abstand, und durchdringt, was sie sieht und uns als Angebot zur Betrachtung überlässt. Dabei handelt es sich vorwiegend um Landschaft, Natur, aber mittlerweile entstehen auch wieder – wie schon in frühen Jahren – urbane Szenen, die direkt auf den Menschen weisen. Dazu fokussiert sie Orte öffentlicher Belebtheit: vor langer Zeit die Jungs beim Straßenbasketball, heute nun das Geschehen auf einer Wiese im Park oder, gesehen von oben, die Sicht auf den Bürgersteig mit den vorübergehenden Szenen, die so viel zu unserer Lebensgestaltung und unserer Gesellschaft mitteilen.

Garten 1990, Öl auf Leinwand, 200 x 300 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Garten 1990, Öl auf Leinwand, 200 x 300 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Es gibt einen konkreten Anlass, gerade jetzt über Dorothea Breick zu schreiben: Vor wenigen Wochen ist ein angenehm handlicher Katalog zu ihrer jüngsten Malerei erschienen. Gestaltet wurde er von Lena Mozer, deren grafischer Feinheit schon die drei vorausgehenden Kataloge entstammen, die die Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen seit den Anfängen in den späten 1980er-Jahren dokumentieren. Abgebildet sind nun überwiegend kleinformatige Bilder der letzten zehn Jahre. Gründe für dieses Buch gibt es genug, die Qualität der Bilder selbst und die Zurückgezogenheit von Dorothea Breick, deren Werke man nur selten in Ausstellungen sehen kann. Oder die räumliche Veränderung ihrer Lebenssituation. Neben ihrem Domizil in Lerab Ling – einer traditionell tibetisch-buddhistischen Klosteranlage im Süden von Frankreich, nahe bei Roqueredonde – lebt sie inzwischen im Berliner Westend, wo sich das RIGPA-Zentrum Dharma Mati befindet. Malerei bedeutet für sie hier wie dort Vergegenwärtigung und Erfahrung ihrer unmittelbaren Umgebung, intensive Einlassung und Transzendierung ihrer Beobachtungen. Sie tastet sich an die kleinen Dinge heran und behält das große Ganze im Bewusstsein.

Rikjema, 2025, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm © Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Rikjema, 2025, Öl auf Leinwand, 50 x 40 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Ein Beispiel für die Berliner Malerei der jüngsten Zeit ist die Abbildung, die auf dem Katalog-Cover zu sehen ist: Rikjema (2025; der Titel bezieht sich auf die Meditationsgottheit im Vajrayana-Buddhismus). Von einem Fenster im obersten Stockwerk von Dharma Mati aus ist die sonnenbeschienene Terrasse mit den Tischen und Stühlen hinter dem feierlichen Gebäude zu sehen. Sie ist eingefasst von Gebüsch und der architektonischen Umgebung und dabei halb verborgen durch die Zweige und Blätter eines Baumes, die zwischen dem Fensterblick und dem Garten liegen. Wie ein Mobile verbunden und im impressionistischen Vortrag getaucht in ein erdiges Braun, kippen die Blätter, die jeweils für sich malerisch gewürdigt sind, in verschiedene Richtungen. Flirrend korrespondieren sie mit dem goldgelben Laub unten auf dem Boden, als wäre das eine der Lichtschatten des anderen. Die Flecken beleuchten den zurückgezogenen Bereich, hinter dem der Himmel auftaucht. Ohne da zu sein, sind die Menschen mit einem Mal durch die Spuren der Natur anwesend, das reicht, um die Szene zu beleben und mit Gesprächen und Gelächter zu füllen.

Heat wave, June 2026, Öl auf Leinwand, 60 x 40 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Heat wave, June 2026, Öl auf Leinwand, 60 x 40 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Hier wie überall in Breicks Malereien und Zeichnungen: Der dynamische und zugleich innehaltende Realismus öffnet Resonanzräume des Sehens und Spürens, des Erinnerns und Vorausschauens. Dazu nimmt sie sich vertraute Situationen vor und konzipiert auf die Übersicht hin, die immer auch eine persönliche Sicht ist. Dabei reflektiert sie, ohne dass sie dies weiter vertiefen müsste, gesellschaftliche und soziale Zusammenhänge, das Miteinanderleben und die Individualität in unserer urbanen Zivilisation. Seit ihren Anfängen in den 1980er-Jahren liegt Dorothea Breick daran, das alltägliche Sich-Einrichten im Leben buchstäblich festzuhalten. So hat sie ihre häusliche Umgebung in Malereien dokumentiert, etwa den Blick auf den Hinterhof mit dem gegenüberliegenden Balkon.

Dorothea Breick, Foto: Holger Sieler

Dorothea Breick
Foto: Holger Sieler

Die profanen Dinge in der Küche oder im Wohnzimmer eignen sich zu vielschichtigen Stillleben, vorgetragen mit einer freundlichen Zugewandtheit. Der häusliche Ausschnitt wird zu einer Bühne, auf der die Größenverhältnisse relativ sind. Plötzlich öffnet sich ein ganzer Kosmos an Beziehungen und damit begrifflichen Zuweisungen und Bedeutungen. Die Gefäße aus Porzellan mit ihren Darstellungen, Formen und Farben repräsentieren mit einem Mal Herrscher und Gefährten; sie werden zu Stellvertretern für unser Miteinander über Kulturen hinweg, ohne dass Dorothea Breick dies vorgibt und es den Dingen vordergründig anzusehen wäre. In den Jahren nach 2000 kommen Porträts dazu. Sujets sind ihre Familie und ihre Freunde, also Menschen, zu denen eine Beziehung des Vertrauens und Verstehens besteht. Sie nennt diese Bildnisse Eins zu Eins, spricht von Dialogpartnerschaften und betont die Gleichgewichtigkeit von Maler und Modell. Im Gespräch in Berlin erwähnt sie, dass alle ihre Bilder auch schon vor dieser Zeit rein im Sehen und Betrachten – also nie mit einer fotografischen Vorlage – entstanden sind. Dass ein inneres Bild mitspiele, das mit dem äußeren abzugleichen wäre und das sie doch immer in seiner Wahrhaftigkeit erfassen wolle. Ihre Modelle stammen aus verschiedenen Generationen, vom Kleinkind mit seiner Mutter bis hin zur Greisin. Die Haut mit ihren Faltungen und ihrer unterschiedlichen Helligkeit ist Träger von Ausdruck. Neben der Wiedergabe der jeweiligen Individualität, dem Zusammenspiel von Mimik und Gestik, dem Gegenüber mit oder ohne Blickkontakt, gewinnen die Stoffe, in die die porträtierten Menschen gekleidet sind, mit ihrer Taktilität, ihrer Farbigkeit und den Mustern an Relevanz. Zur Sensibilität dafür hat gewiss die Kenntnis des tibetischen Buddhismus mit den Farben der Feste und den edlen Stoffen der Gewänder beigetragen.

Dorothea Breick: Allpervasive, self-aware, 2025, Öl auf Leinwand ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Dorothea Breick: Allpervasive, self-aware, 2025, Öl auf Leinwand
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

2006 ist Dorothea Breick von Düsseldorf in die Klosteranlage nach Südfrankreich gezogen. Sie bleibt mit ihrer Familie und ihren Künstlerfreunden in Verbindung, auch über die Phasen völliger Zurückgezogenheit hinweg. Zumal in Lerab Ling malt sie bis heute aquarellhaft anmutende Bilder mit rituellen Gerätschaften oder persönlichen Dingen, etwa mit einer goldglänzenden Perlenkette auf einem mit Decken und Tüchern bedeckten Sessel oder mit ihrer Uhr und der Brille auf dem Nachttisch. Auch diese Stillleben kennzeichnet eine Feierlichkeit, mithin etwas Luxuriöses und Einmaliges, unterstützt mittels der Beleuchtungssituation, der Sattheit der Farben und des Volumens der Stoffe.

Te me, June 2019, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, June 2019, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm © Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, September 2019, 50 x 70 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, September 2019, 50 x 70 cm © Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, June 2019, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, June 2019, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm © Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, September 2019, 50 x 70 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick
Te me, September 2019, 50 x 70 cm © Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Draußen, wo die Unendlichkeit des Himmels durch den tiefliegenden Horizont spürbar wird, stellen sich andere Regeln ein. Ein wunderbares Beispiel ist Te me von 2019. Der lichte, geradezu durchsichtige Himmel nimmt drei Viertel des Gemäldes ein. Darunter ist die Landschaft der Cevennen als bestelltes Feld mit einzelnen Schneisen aus breiten faserigen Bahnen summarisch und umso mehr wie in geometrischer Anlage zu sehen. Nur ganz in der Ferne wächst Grün wie eine Waldung auf. Die Intensität der einzelnen Malhandlungen zwischen Beschleunigung und Abstoppen unter dem Himmel spricht eine mögliche Berührung von Erde und Himmel und ein plötzliches Ausgeliefert-Sein an: Das tibetische „Te me“ bedeutet so viel wie „frei von jeglichem Bezug“.

Hua Hin, 20219, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Hua Hin, 20219, Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

So moderat das Format dieses Gemälde auch ist (50 x 70 cm), so monumental und reich an Stille lässt es sich doch empfinden. In anderen Bildern konzentriert sich Breick dann ganz auf einzelne Blüten und Sträucher in unterschiedlichen Stadien des Blühens und Verblühens.

There – not there, July 2025, Öl auf Leinwand, 40 x 60 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

There – not there, July 2025, Öl auf Leinwand, 40 x 60 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Ab 2020 bezieht sie, im Wechsel mit Südfrankreich, das Appartement in Berlin, von dem aus sie auch nach draußen malt. Urbane Strukturen und Phänomene des Städtischen fallen in den Blick, dienen hier als Maß der Orientierung und verschieben die Wahrnehmung. So wirken die Autos neben dem hohen Bürgersteig plötzlich riesig und als könnten sie jeden Augenblick losfahren. Die Sicht erfasst die Passanten skizzenhaft und differenziert in der Verkürzung die Konstruktion der Kinderwagen. Auch stellt sie sich mit ihren Malutensilien an den Rand einer Wiese im Park und schweift über diese und ihre metallischen Einfassungen hinweg.

Wannsee 2, Öl auf Leinwand, 30 x 24 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Wannsee 2, Öl auf Leinwand, 30 x 24 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Aber während sie in den Cevennen Situationen der Ewigkeit festhält und in völlige Ruhe versetzt, malt sie nun wieder das Vorübergehende, das ihre Düsseldorfer Zeit gekennzeichnet hat. Jahres- und Tageszeiten spielen mit dem wechselnden Licht eine wichtige Rolle. Die Bilder vom Wannsee (2024) sind aus der gleichen überschauenden Perspektive wie die Umgebung von Lerab Ling gemalt, aber die Natur und deren Gestimmtheit ist doch eine andere, der Himmel wird von vorbeiziehenden Wolken verdeckt, die sich im Wasser spiegeln. Auch die Natur und das Ufer des Wannsees bestehen aus einer Vielzahl unruhiger Malbewegungen. Empathie und meditative Hinwendung sind auch jetzt spürbar. Im aquarellhaften Auftrag der Ölfarbe ist das alles in großer Leichtigkeit empfunden und wiedergegeben. Nichts, das sich wichtig nimmt, aber das als Teil des Lebens doch bleibt und dieses prägt.

Garuda, 2026, Öl auf Leinwand, 60 x 40 cm ©Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick

Garuda, 2026, Öl auf Leinwand, 60 x 40 cm
© Dorothea Breick, Foto: Dorothea Breick


Der neue Katalog „Dorothea Breick: There – Not There. Lerrab Ling/Dharma Mati 2018-2026“ (80 Seiten mit 46 Abbildungen, Broschur) ist zu erwerben über dorotheabreick@gmail.com.

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Profile

Dorothea Breick wurde 1961 in Münster geboren, sie lebt und arbeitet heute in der Nähe von Roqueredonde/Südfrankreich und in Berlin. Studiert hat sie an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf: 1980-84 an der Außenstelle Münster bei Norbert Tadeusz und 1984-87 bei Gerhard Richter, bei dem sie als Meisterschülerin abgeschlossen hat. Sie wurde mit mehreren Stipendien ausgezeichnet und hatte Lehraufträge an der Kunstakademie Karlsruhe und der Fachhochschule Düsseldorf. Ausstellungen mit ihren Bildern fanden u.a. 1998 im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf und 1999 im Folkwang Museum Essen sowie in den Galerien Nelson in Lyon und Paris und Bochynek und Brüning in Düsseldorf statt.

Mit dem Umzug 2006 in die traditionell tibetisch-buddhistische Klosteranlage Lerab Ling in den Cevennen hat sie sich weitgehend vom Kunstbetrieb zurückgezogen, ohne aber die Tätigkeit als Malerin und Zeichnerin aufzugeben. Ausstellungen finden seither eher selten statt.

[Foto: Tui Schrijver]

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