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Hintergrund

Zwischen Tradition und Moderne

Der Zeichner Piotr Sonnewend

Tradition und Moderne liegen in der Kunst von Piotr Sonnewend dicht beieinander. Beides schließt sich nicht aus, sondern befruchtet sich gegenseitig. In großformatigen Zeichnungen führt er uns die Welt der Details von Körpern, Gesichtern, Händen, Wolkenformationen oder Landschaften vor Augen. Seine einzigen technischen Mittel dazu sind äußerst traditionell: Mit Grafit und Terpentin auf großen Papierbögen zaubert er faszinierende Bildwelten. In unzähligen Strichlagen macht er menschliche Details zu bewegten Landschaften und Landschaften zu bewegten Körpern.

Sonnewend wird 1953 in Poznan/Polen geboren. Dort besucht er die Kunstakademie und erwirbt das abschließende Diplom als Absolvent der Klasse Lithografie, Illustration und Plakat bei Professor Lucjan Mianowski. Seinen Schwerpunkt, der ihn seitdem begleitet, findet er als Absolvent der Klasse Zeichnung bei Professor Jozef Flieger. Zusätzlich absolviert er ein Praktikum im Fach Bühnenbild am Szajna Studio Theater in Warschau. Auch das formt sein künstlerisches Verständnis bis heute. 1981 siedelt er in die Bundesrepublik über. Mit Werbekampagnen für Firmen in Erndtebrück, Drolshagen und Bad Berleburg hält er sich über Wasser. Gleichzeitig sichert er sich einen Platz in der modernen Kunstszene durch Ausstellungen in Deutschland, Italien und den Niederlanden.

Ab 1989 betritt er ein ganz neues Feld. Er wird Gastprofessor an der Kunstakademie in Poznan, seiner Heimatstadt und der Stätte seiner künstlerischen Prägung. Bis heute gibt er dort Kurse für werdende Künstler. Im kommenden Wintersemester kommt eine neue Aufgabe hinzu: Er wird einen Lehrauftrag an der Fachhochschule für Design in Dortmund im Fachbereich Zeichnung erfüllen. Seit Jahren ist er auch immer wieder als Dozent an der Freien Kunstakademie in Augsburg, an der Kunstfabrik in Wien, an der Freien Akademie der Künste in Bern, an der Kunstakademie in Danzig, am IBKK Institut in Bochum und an der Gesamthochschule in Paderborn tätig. Zusätzlich gibt er immer wieder mal Lithografieseminare für Stipendiaten der Aldegrever-Gesellschaft in Münster.

Seine jahrzehntelangen Erfahrungen als Künstler und als Dozent verschmelzen in seiner Doktorarbeit an der Kunstakademie in Poznan zu einer aussagekräftigen Einheit. Am 17. April 2019 hat Piotr Sonnewend erfolgreich nach 18monatiger Tätigkeit das Rigorosum bestanden und damit den Doktortitel erworben. Eine Habilitation schließt er ebenfalls nicht aus.

In seiner Doktorarbeit befasst sich Sonnewend mit der Materie der monochromen Zeichnungen in seinem Œuvre. Im Untertitel kommt das zum Ausdruck, was ihn schon sehr lange beschäftigt: Es ist die Farbigkeit des Grafits und die künstlerische Selbstverwirklichung in seinem zeichnerischen Werk, die ihn zu immer neuen Zeichnungen antreibt. 22 großformatige Zeichnungen aus den letzten zehn Jahren bilden den visuellen Kern der Doktorarbeit. Technik, Inhalte und Struktur seiner Zeichnungen werden breit aufgefächert und dargelegt. „Ich habe das, was ich in der Kunst erlebt habe, in Worten zusammengefasst“, erklärt Sonnewend dazu. Das schließt seine Erfahrungen als Künstler und als Dozent mit ein. Nicht nur die Technik des Zeichnens und seinen ganz speziellen Ausdruck formuliert er in seiner Doktorarbeit. Er befasst sich auch mit der Kunstpädagogik und der ganz speziellen Didaktik der Vermittlung von Kunst. „Studenten werden heute wenig mit Zeichnungen konfrontiert. Das Medium der Zeichnungen bildet die Grundformen für künstlerische Äußerungen“, ergänzt Sonnewend.

AKT 17, 2011, Grafit, Bleistift, 160 x 130 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Akt 20, 2000, Grafit, Bleistift, 130 x 90 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Akt 31, 2019, Grafit, Bleistift, 200 x 110 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Akt 33, 2019, Grafit, Bleistift, 160 x 110 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Akt 39, 2017, Grafit, Bleistift, 150 x 110 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Akt 39b, 2017, Grafit, Bleistift, 150 x 110 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Das entspricht auch dem Kern seiner künstlerischen Arbeit, die über den rein formalen Bereich der Zeichnung immer wieder hinausgewachsen ist. Seit Ende der 1980er-Jahre wirkt er als Bühnenbildner am Wolfgang Borchert Theater in Münster und in der Theater-Initiative Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. 1995 erfindet er ein ganz neues Bühnenbild für Taboris Stück „Jubiläum“. 1997 folgt das Bühnenbild für Yasmina Rezas Theaterstück „Kunst“, beides am Borchert-Theater in Münster.

1990 ist er einer der Begründer des Künstlerdorfs in Schöppingen. Dazu entsteht die Performance „Körper Zeichen“, die zuerst in Schöppingen, später in Altenberge und an verschiedenen renommierten Theatern in Polen aufgeführt wird.

In der Landesmusikakademie NRW in Heek-Nienborg hinterlässt er ebenfalls vielfältige künstlerische Spuren. 1992 entwickelt und realisiert er zusammen mit dem Musiker Michael Jülich die Klangstraße „Hain“ im Außenbereich der Burg rund um Veranstaltungsorte der Landesmusikakademie. Die Kinderopern „Krabat“ und „Pollicino“, aufgeführt im Jahr 2005 in der Landesmusikakademie, tragen mit seinen Bühnenbildern seine unverkennbare künstlerische Handschrift. Bereits 1993 wird Sonnewend zum Chefbühnenbildner am Landestheater der Burghofbühne in Dinslaken.

Im Vordergrund steht allerdings immer noch seine Berufung als Künstler, die er mit zahlreichen Ausstellungen und der erfolgreichen Beteiligung an Wettbewerben markiert. Piotr Sonnewend profiliert sich nicht nur als Zeichner, sondern auch als Bildhauer. Zweimal gewinnt er den Wettbewerb der Euregio-Kunstroute. Seine Skulpturen in Ahaus und Schöppingen belegen das. Auszeichnungen, Preise und Publikationen gehören ebenfalls zu seiner Vita.

Heute sieht er sich in erster Linie als Zeichner und als Dozent, der seine Kenntnisse nicht nur an junge Studenten weiterreicht. Seit über 20 Jahren lebt und arbeitet er auf einem alten Bauernhof mitten in Legden zusammen mit seiner Frau Ilona Gorecka-Sonnewend, die sich ebenfalls als Künstlerin national und international etabliert hat. Beide geben dort Kurse für jeden, der Interesse an künstlerischer Weiterbildung hat. Gern genutzt werden die Zeichenkurse von Sonnewend von Abiturienten, die sich auf eine Bewerbung an Kunstakademien oder Fachhochschulen für Design vorbereiten.

Besonders die letzten Ausstellungen belegen, dass die Zeichnung das Mittel des künstlerischen Ausdrucks von Sonnewend ist. Ende 2018 lädt seine Ausstellung in der städtischen Villa van Delden in Ahaus ein, sich vollkommen in die Ausdruckskraft seiner Kunst zu vertiefen. Seine Zeichnungen sind geprägt von einem sehr intensiven und expressiven Menschenbild. Mit vielen einzelnen Strichlagen zeichnet er Bilder von Fantasiegesichtern oder Details menschlicher, nackter Körper, die er aus der realen Ansicht in die abstrahierte Sphäre überführt. Am Ende ahnt der Betrachter die menschliche Form. Plastizität und Räumlichkeit umschreibt er mit seinen Strichlagen, die auch bei vollkommen abstrakten Bildmotiven oder den Wolkenbildern zu zauberhaften und magischen Ausdrucksformen führen.

Porträt 1, 2019, Bleistift, Grafit, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Porträt 2, 2019, Bleistift, Grafit, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Porträt 3, 2019, Bleistift, Grafit, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Porträt 3b, 2019, Bleistift, Grafit, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Porträt M 4, 2018, Grafit, Bleistift, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Porträt M 4, 2018, Grafit, Bleistift, 145 x 100 cm
© und Foto: Piotr Sonnewend

Hat sich sein Großvater Czeslaw Sonnewend (1885–1939) einen Namen als wichtiger Maler Polens gesichert, so kann man Piotr Sonnewend als einen der bedeutendsten Zeichner Polens bezeichnen. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler hat er die Technik der Zeichnung weiterentwickelt, modernisiert, ohne die Wurzeln der Tradition dieses oft verkannten und abgewerteten Mediums zu verleugnen. „Seit acht Jahren wird in Polen die Zeichnung als eigenständige Richtung neben der Malerei betrachtet“, erklärt Sonnewend zusätzlich sein Engagement für die Aufwertung und die Etablierung der Zeichnung.

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Profile

Piotr Sonnewend, geb. 1953 in Poznań (Polen), studierte Malerei, Grafik und Bildhauerei an der Kunstakademie Poznań. 1981 Übersiedlung in die BRD (Berlin, Schöppingen, seit 1997 Legden). Zahlreiche Ausstellungen, u.a. in Posen, Warschau, Krakau, Sofia, Lüttich, seit 1981 verstärkt in Westdeutschland, den Niederlanden, Italien und Polen. Arbeit als Bühnenbildner u.a. in Münster, Castrop-Rauxel, Warschau, Krakau, Posen, Inszenierungen von Performances u.Ä. Dauergastprofessur für Zeichnung, Lithografie und Bühnenbild an der Kunstakademie Posen und Danzig, Lehrauftrag an der Universität-Gesamthochschule Paderborn, an der Freien Kunstakademie Essen und Bad Reichenhall. Schwerpunkte seiner künstlerischen Interessen liegen im Bereich von Zeichnungen und Lithografie, Bühnenbild und Performance. In seinen zweidimensionalen Arbeiten entwickelt er – die spezifischen Eigenschaften von Material und Technik nutzend – reich differenzierte Bildflächen feinster grafischer Strukturen und monochromer Farbigkeit.

Foto: Piotr Sonnewend

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