Hintergrund

Die Verwandlung der Welt

Zu den Arbeiten von Uta Zaumseil

Es sieht so vertraut aus: Kinder klettern in einem Baum, dem Marmeladen-Himmel, „marmalade sky“, entgegen. Aber es sind zu viele Kinder, sie klettern auch gar nicht wirklich; einige scheinen zu schweben; und an den Marmeladen-Himmel erinnern allenfalls die Farben in diesem Linolschnitt, während die Kinder der Erde viel näher als den Wolken sind. Ganz irdisch sind auch die „Tiere“, Zebra und Ziege, nur haben sie sich hinter Fensterscheiben verirrt. Vielleicht ändert sich das auf Knopfdruck – die Knöpfe mit den Nummern 26 bis 30 sind jedenfalls schon da.

Der marmalade sky stammt aus einem Lied der Beatles: „Lucy in the sky with diamonds“. Darin kommt auch das „girl with kaleidoscope eyes“ vor. Das könnte Uta Zaumseil sein. Denn sie sieht anders, sieht mehr und verwandelt damit die so eindeutig scheinende Welt in das Mysterium, das sie tatsächlich ist. Und das wir gar nicht immer so leicht aushalten.

Ihre Bilder, oft großformatige Holz- oder Linolschnitte in fahlen, etwas zurückgenommenen Farben, manchmal über Fotos gedruckt, in jüngster Zeit teils in Kollaboration mit ihrem Sohn Oskar Zaumseil entstanden, spielen mit alltäglichen Wahrnehmungen, beiläufigen Eindrücken – ein Passant mit Aktentasche, ein Waldstück mit Rehen, Straßenszenen, baufällige Hinterhofschuppen, ein Blick aus dem Atelierfenster – setzen ihnen mitunter nur eine einzige Figur, ein Zeichen, ein Symbol hinzu – und schon verliert das auf den ersten Blick Sichtbare seine Eindeutigkeit, seine Banalität, seine Unscheinbarkeit.

Was Uta Zaumseil mit Fantasie und nicht ohne eine sehr anregende Art nachdenklich-melancholischen Humors gestaltet, gleicht subtilen Warnschildern gegen die vertrockneten Blüten der Fantasielosigkeit, der Unachtsamkeit, der Gleichgültigkeit, der Gedankenlosigkeit, der Leichtgläubigkeit. In ihnen ist aber vielleicht auch „so viel kränkende Hoffnung“, wie das Uwe Johnson in seinen „Jahrestagen“ genannt hatte, kränkende und gekränkte, weil nie erfüllte Hoffnung – die vielleicht für die schlimmsten Deformationen des Menschen verantwortlich ist, die ihm oft gar nicht bewusst ist im „wilden Osten“, wo man mit Uta Zaumseil, die in Thüringen lebt, wenn schon nicht Pferde klauen, so doch welche finden kann.

Der wilde Osten, 2006 Holzschnitt, 76,5 x 111 cm VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Der wilde Osten, 2006 Holzschnitt, 76,5 x 111 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Uta Zaumseils Arbeiten leben von der Poesie des Geheimnisvollen, der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – und vom Reiz alter Hochdrucktechniken. „Holzschneiderin“ nennt sie sich stolz auf ihrer Webseite. So, wie sich in ihren dank der Arbeit mit der verlorenen Form meist unikaten Blättern verschiedene Farbschichten überlagern, so überlagern sich in ihnen auch die Bedeutungen, Deutungsmöglichkeiten, überlagern sich reale Erlebnisse, Landschaften mit der Fantasie der Künstlerin, die – ob bewusst oder unbewusst, kann ruhig offen bleiben – auf diese Deutungsmöglichkeiten aus ist. Sie macht dem Betrachter ein Angebot, das ihn herausfordert, ihn nicht mit der reinen Poesie des wie auch immer definierten Schönen verwöhnt und umgarnt, sondern ihn freundlich, aber bestimmt zu einer denkenden und mitfühlenden Haltung auffordert. Das hat etwas zu tun mit der Entzauberung einer Welt, die uns durch Werbung, Medien, Politik mit maximaler Gewinnerzielungsabsicht immer wieder als zauberhaft präsentiert wird – doch es ist ein fremder, entfremdeter Zauber, während der eigene die Träume der Menschen braucht.

Ein Streifzug durch die Bilderwelt der Uta Zaumseil – das ist wie ein Spaziergang durch Zeiten und Weiten, in der Nähe und in der Ferne – und anders als ihre Protagonisten in dem Blatt „Schau schau schau“, die gebannt auf eine leere Leinwand starren – in der Hoffnung, dass sie ihnen jemand füllt – anders als diese sieht die Künstlerin etwas. In ihren Bildern beginnen banale Dinge zu erzählen: Heizungsrohre, Bordsteine, Hochhäuser; Tiere – Truthähne, Wild, Tauben, Hunde – führen ein Eigenleben; unscheinbare Wäldchen, Wiesen, Teiche, Uferstrände erwachen. Oft verfremdet sie Alltagssituationen, Momentaufnahmen gewöhnlicher Orte, die plötzlich eine Bedeutung bekommen – oder deren Bedeutung die Künstlerin aus dem Schatten der Alltage hervorholt. Als ob sie durch die Lücke geht, die der Teufel gelassen hat.

Bei einer „Begegnung“ begegnen halbwegs gut ausgerüstete Rasenpfleger – sie erinnern in ihrer wohl sortierten, geordneten Dichte an die Kolonne einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme um die Jahrtausendwende, als es noch einiges Geld für derartige Maßnahmen gab – wobei die Maßnahme immer sinnvoll, die Arbeit es aber nicht immer war – überdimensionalen Rehen, denen der Sinn offensichtlich nicht nach Rasenmähern steht. Als hätten die Tiere die Natur okkupiert, da der Mensch sie sich untertan machen will, und sei es durch den harmlos erscheinenden, simplen Akt des Rasenmähens.

Manchmal werden Landschaften oder Stadtschaften – oft real existierend, den Reisen im Kopf und den tatsächlichen Reisen durch die Welt entstammend, zumal Uta Zaumseil oft auch digitale Fotos in ihre Holz- oder Linolschnitte einarbeitet – von merkwürdigen Vorkommnissen gestört: undefinierbaren Einsprengseln, Rissen, Kanten, Farben, Flächen – die dem Realen eine vierte und fünfte Dimension geben, es ins Überreale oder auch Surreale entschweben lassen.

Besuch auf dem Land, 2007, Linol-/Holzschnitt, 87 x 119 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Besuch auf dem Land, 2007, Linol-/Holzschnitt, 87 x 119 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Weißensee MDF 2011 60x125,5_G9F4237 (1)

Weißensee, 2011, MDF, 60 x 125,5 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Retter der Welt, 2016, Linolschnitt, 100 x 140 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Retter der Welt, 2016, Linolschnitt, 100 x 140 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Prenzlauer Allee- Danziger Straße, 2016, Linol, 100 x 155 cm

Prenzlauer Allee / Danziger Straße, 2016, Linolschnitt, 100 x 155 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

O.T., 2017, Linolschnitt, 62 x 70 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

O.T., 2017, Linolschnitt, 62 x 70 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

NY, 2017, 2-teilig, 88 x 110 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

NY, 2017, 2-teilig, 88 x 110 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Schöner Zaun, 2018, Linolschnitt, 62 x 92 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Schöner Zaun, 2018, Linolschnitt, 62 x 92 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Online, 2018, Linolschnitt, 42 x 58 cm ©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Online, 2018, Linolschnitt, 42 x 58 cm
©VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Uta Zaumseil, Foto: Christof Beer

Die Städter machen sich auf zum „Besuch auf dem Land“ und sehen das Dorf vor lauter Zäunen nicht. Immerhin kann man wenigstens ahnen, dass die Sterne nirgends schöner leuchten als dort, wo ihnen nichts im Wege steht – keine Mauer, kein Schornstein, kein flimmernder Plunder, der das Strahlen des Glücks ersetzen soll. Aber auch die erhoffte Idylle hält nicht, was sie verspricht – denn sie verspricht nichts, was sie nicht halten kann, lebt zuerst einmal von der Illusion, die der in sie hineinprojiziert, der die Idylle sucht und sie mit dem Glück verwechselt. Was an das isländische Sprichwort erinnert: Eine Lüge, die ein Leben trägt, ist besser als eine Wahrheit, die ein Leben zerstört.

Es sind die unausgeglichenen Bilanzen, die aus Uta Zaumseils Bildern sprechen – mit Mitteln eines magischen Realismus ebenso wie mit Elementen des Surrealismus, die sie in den Dialekt unserer Zeit übersetzt hat. Unausgeglichene Bilanzen – wie sie durch mangelnde Gewinnerzielungsabsicht entstehen, die so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint, in der alles seinen Wert oder seinen geldwerten Vorteil haben soll, ungeachtet aller Gegenmodelle, die ohne geldwerten Gewinn auskommen und umso mehr Gewinn an lebenswertem Leben ohne Angst versprechen.

Das trifft den Einzelnen ebenso wie alle, die persönliche wie die kollektive Bilanz – der letztlich nichts anderes zugrunde liegt als der Wunsch anzukommen – in einer Heimat, wo auch immer sie ist.

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Profile

1962   in Greiz geboren

1990   Arbeit in der Kulturfabrik Dorfen/Bayern

1994    Stipendium des Thüringer Kultusministeriums für Civitella d’Agliano

1996    Stipendium der P.-E.-Wilke-Stiftung Bremerhaven

1998    Magnificat-Projekt, Thomaskirche Leipzig

2000    Studienaufenthalt in Rom

2001     Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds, Künstlerhaus Ahrenshoop
Arbeitsstipendium des  Thüringer Kultusministeriums
I.-G.-Grabe-Preis des Meyenburg Museums Nordhausen

2002    Künstlerförderung der IG Metall
1. Preis „Holzschnitt heute“ Stiftung der Kreissparkasse Ludwigsburg

2003    1. Preis Kunstpreis der IG Metall

2004    Ruth-Huhn-Kunstpreis der Kunsthalle Weimar e.V.

2007    Arbeitsstipendium des Landes Thüringen, Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf
3. Preis „Linolschnitt heute“, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

2010    2. Preis »Linolschnitt heute«, Städtische Galerie  Bietigheim-Bissingen

2015    Studienaufenthalt Hongkong

2016    Preis der Jenacon Foundation
Arbeitsaufenthalt Casa Zia Lina, Elba

Porträtfoto: Oskar Zaumseil

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