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Der Berliner Maler Ruprecht von Kaufmann

So sehr es auch Zufall ist: Das Atelier von Ruprecht von Kaufmann befindet sich in Berlin-Lichterfelde vis-à-vis vom Bundesarchiv, also einem Ort, für den das Erinnern, das geschützt Abgelegte und Aufbewahren mitsamt dem Hervorholen auch nach langer Zeit symptomatisch sind. Mit seinem Bestand überliefert und manifestiert es das kollektive Gedächtnis. Es lässt uns mithin wissen, woher wir kommen, und zwar anhand von Akten, Filmen, Tönen, die das Zeitgeschehen dokumentiert, ja, geschaffen haben. Es geht um die Realität der Geschichte.

Aber Ruprecht von Kaufmann ist Maler, der mit dem Repertoire seines Mediums und dessen imaginativem Potenzial arbeitet. Und seine Stoffe entstammen immer auch den Arsenalen des Unterbewusstseins, den Mythen und archaischen Urbildern. Er trägt sie als Malerei in den Speichern und weiten Resonanzräumen vor: in der Nacht, im Nebel, auf der See, im Haus, sogar in dessen Keller, allein auf der Bank, dem Sofa, im Bett. Dabei behält er das Vokabular der Gesten und das Repertoire der Accessoires und vor allem die psychischen Verfasstheiten der Gegenwart im Blick: ihre Erlebniswelt, ihre Erregung und eben ihre Formen des Umgangs miteinander. Kaufmann malt realistisch, in leicht expressivem Duktus. Seine Figurenkonstellationen führen zu seltsamen Szenarien, deren Geschehen sich aus verschiedenen, mitunter zeichnerisch verbundenen Ereignissen zusammensetzt. Motive der Erwartung und des Innehaltens treffen auf Situationen höchster existenzieller Dramatik. Die Perspektive ist oft überraschend, atemberaubend und noch innerhalb des Bildgeschehens wechselnd. Dann wieder ist die Figur oder ein Gegenstand inmitten breit gestrichener, sich überlagernder Farbbahnen weit auf Abstand gerückt.

Die Komplexität, die die Interpretation wieder an den Betrachter überträgt, wird noch dadurch gesteigert, dass das Geschehen in ein Dunkel oder einen lichthellen, in sich nuancierten Raum getaucht ist. Vielleicht erinnert das an Theaterbühnen, erst recht, wenn exotische Tiere auf die urbane Menschenwelt treffen oder Menschen mit Tieren verschmelzen oder diese versehrt sind. Vor allem seit Mitte der 2000er-Jahre fasst Ruprecht von Kaufmann seine Bilder in ein toniges Grau, das wie ein Schleier über den Darstellungen liegt und diese entrückt. Zugleich gewinnt er dem Grau alle Nuancen des Tageszeitlichen ab und schält aus ihm Buntfarben heraus. Schließlich wird die Farbe erst durch das Grau zur Farbigkeit und die Helligkeit zum Licht. Kaufmann verzichtet auf eine Einzeichnung des Horizonts oder provoziert diesen gerade dort, wo er unerwartet ist; die Gründe scheinen unfest, mithin bodenlos. Dazu besitzt jedes Ereignis im Bild seine eigene Sphäre der Existenz: Die Situationen bleiben auf Abstand und reagieren so aufeinander.

Ruprecht von Kaufmann in seinem Atelier in Berlin

Ruprecht von Kaufmann
Foto: Peter Adamik, Berlin

Das Atelier von Ruprecht von Kaufmann bietet besondere Bedingungen. Mit seiner Brüstung erleichtert es für den Betrachter die Übersicht und ermöglicht dem Maler das Innehalten und die Abstandnahme im Entstehungsprozess. Der vordere Raum – das Büro mit Schreibtisch und Computer – lässt davon zunächst nichts vermuten, dann folgt ein schmaler Durchgang mit Regalen für die Malmittel und Kataloge, und dann ist da plötzlich die Sicht auf die Bilder: Das Atelier erstreckt sich über zwei Stockwerke, aber nicht nach oben, sondern nach unten. Ruprecht von Kaufmann hat dazu die Decke aus dem Kellergeschoss herausnehmen lassen. Übrigens entspricht die Sicht von oben der Perspektive vieler der Bilder. An der Seite führt eine Metalltreppe nach unten: Jetzt stehen wir direkt vor den Gemälden und sehen, wie „malerisch“ die Farben aufgetragen sind und sozusagen die Malhandlung konservieren. Kaufmann malt bevorzugt in winzigen und in riesigen Formaten: Es gehe ihm darum, Sehgewohnheiten herauszufordern. Der Betrachter tritt näher und tritt dann wieder einige Schritte zurück, der eigene Körper trägt zur Wahrnehmung und zum Vorstellungsvermögen beim Lesen, ja, „Verstehen“ des Bildgeschehens bei. Ruprecht von Kaufmann malt mit Öl- und Acrylfarben unter Beifügung von Pigmenten.

Die Flucht von Ogigya, 2014, Öl, Acryl, Collage auf Linoleum, 150 x 200 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Die Flucht von Ogigya, 2014, Öl, Acryl, Collage auf Linoleum, 150 x 200 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Hard Hand to Hold, 2016, Öl und Collage auf Linoleum, 181 x 241,5 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Hard Hand to Hold, 2016, Öl und Collage auf Linoleum, 181 x 241,5 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Leaders, 2017, Öl auf Linoleum auf Holz, 40 x 30 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Leaders, 2017, Öl auf Linoleum auf Holz, 40 x 30 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Followers, 2017, Öl auf Linoleum auf Holz, 40 x 30 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Followers, 2017, Öl auf Linoleum auf Holz, 40 x 30 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Bolero, 2017, Öl auf Linoleum auf Aluminium, 205 x 150 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Bolero, 2017, Öl auf Linoleum auf Aluminium, 205 x 150 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Radetzky Marsch, 2017, Öl auf Linoleum auf Aluminium, 200 x 150 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Radetzky Marsch, 2017, Öl auf Linoleum auf Aluminium, 200 x 150 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Bildträger ist, vor allem bei den großformatigen Malereien, die Leinwand; für kleinere Bilder verwendet er häufig Holzflächen, womit er die Materialität und Plastizität verstärkt. Aber er hat auch auf Filz und auf Gummiflächen gemalt, wobei der Geruch des Gummis Teil der Erfahrung dieser Bilder ist. Und Kaufmann verwendet seit 2013 auch Linoleum-Platten. Während er den Farben bei den Leinwand- und Holzflächen Wachs beimischt und damit eine Weichheit der Oberfläche erreicht, verzichtet er beim Linoleum darauf und ist vielmehr an dessen Widerstand und damit an der Unmittelbarkeit der Darstellung interessiert. Unten, im Atelier hat er mehrere solcher Stücke vorbereitet, und in der Menge lässt sich erst recht erkennen, wie farbig das Linoleum doch bereits ist – derart, dass Kaufmann einzelne Bereiche gar nicht mit Farben versieht. Aber er arbeitet noch in das Material hinein und schneidet einzelne Teile der Oberfläche heraus, wobei er die Bildkomposition aufnimmt. Im Atelier hängen zwei derartige, kleinere Bilder, die Gebirgslandschaften zeigen: Ein Gletscher strömt in breiten kräuselnden Bahnen aus den Anhöhen in den Vordergrund. Die herausgeschnittenen Partien markieren den Teil des Gletschers, der heute nicht mehr zu sehen ist. Kaufmann ergänzt im Gespräch, wie wichtig ihm der Faktor Zeit sei, mit dem sich die Darstellung im Bild entwickelt und Räumlichkeit erzeugt. Vielleicht lässt das expressive Kontinuum der Linien auch noch an Munch denken? Psychedelisches und Symbolistisches schwingen mit und verweisen wieder an die Imagination.

Ruprecht von Kaufmann wurde 1974 in München geboren. Er hat 1995–97 in Pasadena Kunst studiert, zunächst Illustration und dann freie Malerei. In Los Angeles und New York bleibt er bis 2003, seitdem lebt er in Berlin. Nach Lehraufträgen an den Hochschulen in Berlin und Hamburg hat er von 2012 bis 2014 eine Professur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig inne, also dort, wo in der Kunst schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Ausformungen die „Leipziger Schule“ zu Hause ist. Nur scheinbar ist seine Malerei mit dieser stilistisch ohnehin vagen Richtung verwandt, tatsächlich sie ist völlig unabhängig im fernen Kalifornien entstanden. Nachdem er zunächst in den USA ausstellt, wird Kaufmann ab 2005 schnell auch hierzulande bekannt. Seine erste Einzelausstellung in Deutschland fand in der Zeche Zollverein statt, übrigens mit Zeichnungen: Diese und die Gouachen entstehen, parallel zur Malerei, in Serien bis heute. 2018 hat ihm die Kunsthalle Erfurt eine umfangreiche Ausstellung ausgerichtet, längst gehört Ruprecht von Kaufmann zu den etablierten figurativen Malern seiner Generation in Deutschland.

Minotaurus, 2011, Acryl und Öl auf Leinwand, 300 x 260 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Minotaurus, 2011, Acryl und Öl auf Leinwand, 300 x 260 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Ein konstantes Motiv sind Tiere und Tierwesen, schon von Anfang an, häufig sind sie die Protagonisten der figurenreichen Geschehnisse. „Tiere werden augenblicklich mit Attributen verbunden“, sagt Ruprecht von Kaufmann. Bei ihm entstammen sie oft der freien Natur, teils sind sie vom Menschen beherrscht. Manches lässt sich besser mit Tieren erzählen, etwa wenn die Beine eines Pferdes in Betonkübeln stecken und so auf ein Klischee der Mafia verweisen. Die Lust am Erfinden der Geschichten, deren Verdichtung bei gleichzeitiger Irritation, ist diesen Bildern eingeschrieben, aber nie verliert Ruprecht von Kaufmann die Fassung, er bleibt im Malerischen beherrscht und versiert: Eine narrative Plausibilität liegt auch dann vor, wenn die Realität durch unsere Fantasie und die Träume gefiltert und verwoben ist. In etlichen Bildern sehen wir Schlafende oder introvertierte Personen. So kommt ein Maler im kolossalen Gemälde „Minotaurus“ (2011) vor. Die Szenerie ist aus der Vogelperspektive erfasst, aber sie zeigt das Interieur eines Hauses und durchdringt dieses in die Tiefe. Der Holzboden öffnet sich zu zwei Dritteln der Bildbreite. Rechts sitzt ein Mann in einer leeren Badewanne, die sich über die Holzdielen ragend in der Balance hält, und ist vertieft in eine Linienzeichnung. Im dunklen Loch ist eine Frau im Badeanzug mit einer Schaufel in der Hand zu erkennen, zu ihren Füßen Trümmer, die wie die Körperfragmente einer Statue wirken. Auf einer Ebene darüber steht oder schwebt eine menschliche Gestalt (eine Frau?) im rosafarbenen Bademantel mit dem Haupt des Minotauros. Das Spiel der Assoziationen, Bezugsrahmen – der Referenz des Mythos an die Gegenwart und umgekehrt – ist eröffnet, aber man kann sich genauso mit Lust in die verschachtelten und entfaltenden Raumstrukturen vertiefen.

The Advant Garde, 2018, Kohle auf Papier, 100 x 70 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

The Advant Garde, 2018, Kohle auf Papier, 100 x 70 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Jetzt erst recht, 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Jetzt erst recht, 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Zeuge, 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Zeuge, 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Junge auf dem weißen Pferd (Knight in White Amor), 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Junge auf dem weißen Pferd (Knight in White Amor), 2018, Öl auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Tycoon, 2019, Öl auf Linoleum auf Holz, 30 x 40 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Tycoon, 2019, Öl auf Linoleum auf Holz, 30 x 40 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

You Never Know, 2019, Öl auf Linoleum auf Holz, 122,5 x 153 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

You Never Know, 2019, Öl auf Linoleum auf Holz, 122,5 x 153 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Stierkämpfer, 2019, Kohle auf Papier, 210 x 100 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Der Stierkämpfer, 2019, Kohle auf Papier, 210 x 100 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Remote-Controll, 2019, Öl und Collage auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm © Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Remote-Control, 2019, Öl und Collage auf Linoleum auf Holz, 153 x 122,5 cm
© Ruprecht von Kaufmann, Foto: Stefan Maria Rother, Berlin

Darin deutet sich aber bereits an, wie sehr Ruprecht von Kaufmann der Verfasstheit von Räumen, deren Begehung (wie, im übertragenen Sinne, beim Schnitzen ins Linoleum) und damit dem Blick auf andere Seiten auf der Spur ist. Das malerische Notieren von Licht und Schatten und die steile Sicht von oben sind dazu schon Maßnahmen; sie modellieren die Körper der Menschen und Tiere aus. Kaufmann hat dies weiter vertieft und ist noch in den plastischen Raum gegangen. In seiner Ausstellung im Forum Kunst in Rottweil 2015/16 hat er sogar den Blick von unten – in Umkehr zu den Bildern – ermöglicht. Ruprecht von Kaufmann reagierte auf die enorme Höhe der Ausstellungshalle und malte geschwungene Bänder so an die Wand, dass sie vor dieser zu schweben schienen. Unter der Decke aber hing ein horizontal ausgerichtetes Objekt aus fetzenartigen Kunststoffflächen, die einen Schwimmer im Luftraum darstellten und sich damit auf das zentrale riesige Gemälde an der Wand bezogen, das einen Ruderer in einem aufgebockten Boot zeigte. Hier wie überhaupt: Ruprecht von Kaufmann erfindet Erzählungen und der Betrachter verfängt sich mit Vergnügen und Erstaunen in ihnen. Wohlgemerkt, dabei geht es um Malerei und dessen Vermögen der Imagination. Und wir sind mittendrin.

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Profile

Ruprecht von Kaufmann wurde 1974 in München geboren. Er hat 1995 bis 1997 in Kalifornien am Art Center College of Design studiert. Anschließend war er als freischaffender Künstler in Los Angeles und New York ansässig, wo er bereits zu etlichen Galerien-Ausstellungen eingeladen wurde. Seit 2003 lebt er in Berlin. Zu den Stipendien und Preisen, mit denen er für seine Malerei ausgezeichnet wurde, gehören der Award of the Vogelstein Foundation in New York (2003), der Förderpreis der Woldemar-Winkler-Stiftung in Gütersloh (2007) und das Erwine Steinblum Stipendium für Johannesburg und Sylt (2009). Gerade ist eine Ausstellung in den Museen Böttcherstraße in Bremen zu Ende gegangen, bis Mitte September stellt er in der Kunstsammlung Neubrandenburg aus.
Foto: Peter Adamik, Berlin

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