Alberto Giacometti in der Kunsthalle Bremen
Er zählt zu den bedeutendsten europäischen Künstlern des 20. Jahrhunderts: Mit seinen eindrücklichen, überlängten Figuren hat Alberto Giacometti (1901–1966) die Bildhauerei nach dem Zweiten Weltkrieg grundsätzlich neu formuliert. Die Ausstellung „Das Maß der Welt“ in der Kunsthalle Bremen ist die erste umfassende monografische Ausstellung zu Leben und Werk des schweizerischen Künstlers seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Es ist zugleich die erste Retrospektive, die sich speziell Giacomettis intensiver Beschäftigung mit der Stellung des Menschen in der Welt und in der Natur widmet. Die Schau lenkt den Blick auf zwei zentrale Themen in seinem Werk: Auf das ‚rechte Maß‘, das bei Giacometti stets im Gegensatz zur naturgetreuen Darstellung steht, und auf seine Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt. Gezeigt werden in Bremen über 100 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke.
Alberto Giacometti wurde als junger Künstler durch vielfältige Einflüsse geprägt. Zum einen durch das künstlerische Umfeld, in dem er aufgewachsen ist: Sein Vater, der postimpressionistische Maler Giovanni Giacometti (1868–1933), zählte ebenso wie dessen Malerfreunde Ferdinand Hodler (1853–1918), Cuno Amiet (1868– 1961) und Giovanni Segantini (1858–1899) zu den erfolgreichsten Künstlern der Schweiz. Zum anderen durch die spektakuläre Alpenlandschaft seiner Heimat: Die beiden Täler Bergell und Engadin im Kanton Graubünden mit ihrem teils malerischen, teils monumentalen Charakter prägten seine Sicht auf die Welt. Darüber hinaus begeisterte sich Giacometti als Jugendlicher besonders für die Ideen der deutschen Romantik und macht sich mit der Vorstellung der Alpen als Inbegriff des Erhabenen vertraut. Die Idee von der Monumentalität der Natur, mit der sich der Mensch als kleines Wesen konfrontiert sieht, sowie eine intensive Naturverbundenheit wurden zu Konstanten in seinem späteren Schaffen.
Zwischen 1914–23 fertigte der junge Künstler Ölgemälde, Zeichnungen und vor allem Aquarelle, die seine Heimat in den Schweizer Alpen zeigen. Die Lichtstimmung ist in diesen frühen Landschaftsbildern von zentraler Bedeutung. Die Werke zeigen beispielsweise den Silsersee mit dem heute noch bestehenden Hotel in Maloja (um 1920) oder Bäume am Seeufer (um 1919) mit von der Sonne zum Glühen gebrachten Gipfeln rund um den Bergsee Cavloccio. Der junge Künstler strebte jedoch nicht nach Imitation. Vielmehr ging es ihm darum, sich prüfend mit der eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Auch als Giacometti 1922 nach Paris zog, um Bildhauerei zu studieren, blieb die Aufgabe – seine Wahrnehmung der Wirklichkeit in Kunst zu übersetzen – für ihn immer dieselbe.
Seine Entscheidung, sich auf die Bildhauerkunst zu fokussieren, hängt zusammen mit seiner ausgeprägten Aufmerksamkeit für seine Umgebung, die Räume, die sich in ihr ergeben und für die Materie der Dinge an sich. 1935 formulierte er sein Ziel, herausfinden zu wollen, wie man einen menschlichen Kopf wirklichkeitsgetreu darstellen könne. Die Entscheidung, die menschliche Figur zum zentralen Motiv zu machen, war wegweisend für sein gesamtes folgendes Schaffen. Er arbeitete an Köpfen von seinem Bruder Diego, dem Berufsmodell Rita Gueyfier sowie seiner Frau Annette und experimentierte dabei mit unterschiedlichen Techniken, Materialien und Ansätzen.
Aus dem Antrieb, seine Sicht auf die Welt in seiner Kunst auszudrücken, entwickelte Alberto Giacometti nach dem Zweiten Weltkrieg stehende Frauenfiguren, die zu einem wiederkehrenden Motiv in seinem Schaffen wurden. Die strenge, unbewegliche Aufrichtung der Figuren macht den Einfluss altägyptischer Kunst spürbar, die Giacometti beeindruckte. Er verknüpfte die schlank nach oben wachsenden Figuren aber auch mit seinen Erinnerungen an hoch aufragende Nadelbäume in seiner Schweizer Heimat. So, wie Giacometti Bäume als Frauen wahrnahm, so sah er auch Berge wie Menschen an. Folglich sind die zerfurchten Oberflächen von Giacomettis Plastiken nicht nur Ergebnisse seines rastlos suchenden Formungsprozesses, sie erinnern auch an die Strukturen der Berge in seiner Heimat und bezeugen damit sein Denken in Analogien zwischen Natur und Mensch.
Seit den 1940er-Jahren wurde das Thema der Einsamkeit immer wichtiger in Giacomettis Schaffen. Dies zeigt sich sowohl in seinen wie von der Umwelt isoliert stehenden Figuren sowie in Gemälden und Zeichnungen, in denen er einsame Menschen in weite Landschaften hineinsetzte. Auch in seinen Gruppenkompositionen Drei schreitende Männer (1948) und Der Käfig (1950) erscheinen die Dargestellten vereinzelt und allein in der Welt. Die hier versammelten Wesen teilen sich zwar einen gemeinsamen Raum, sie existieren nebeneinander, aber sie interagieren nicht, wie Giacometti es auch im Alltag in Paris beobachtete. Während Giacometti sich selbst niemals als „Künstler der Einsamkeit“ verstand, so erinnern seine Figuren doch an die Idee vom Menschen als einsames, fragendes Wesen in der Welt, auf der Suche nach Sinn.
In den Kriegsjahren 1941–45, die Giacometti abwechselnd in einem winzigen Zimmer im Hôtel de Rive in Genf und im engen Tal des Bergell verbrachte, verstärkte sich sein Eindruck, die menschliche Figur nicht losgelöst vom umgreifenden Raum darstellen zu können. In dieser Zeit wurden seine Skulpturen immer kleiner, bis sie schließlich nur noch wenige Zentimeter maßen. Zum Ausgleich für diese fortschreitende Reduzierung, die schließlich an Entmaterialisierung grenzte, stellte er sie auf Sockel. Gestapelt und variierend in Größe und Maßstab, wurden sie zu zentralen Elementen seiner Werke. Nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer winzigen Dimensionen erhalten seine kleinen Figuren einen Ausdruck von Größe. Der Künstler, der in seiner Jugend die Unermesslichkeit der Umgebung des Bergell in sich aufgesogen hatte, fand in der Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen unterschiedlichen Maßstäben ebenjenes Wirklichkeitsempfinden wieder, das sich dem menschlichen Erkenntnisvermögen entzieht.
Das aus 150 Lithografien bestehende Künstlerbuch Paris sans fin (dt.: Paris ohne Ende, 1969 posthum veröffentlicht) ist ein Höhepunkt im späten Schaffen Giacomettis. Die einzelnen Grafiken zeigen alltägliche Momente und unterschiedliche räumliche Situationen, die sich zu einem ganz persönlichen Kompendium der Metropole zusammenfügen. Gerade die Darstellungen von weiten Landschaften außerhalb des Stadtkerns zeigen die Unbegrenztheit seines Blicks, mit dem er das „immerwährende Paris“ einfing. Zweifellos drückt sich hier das vom Künstler beschriebene Gefühl einer ausgedehnten und zirkulären Zeit in einer anderen Form aus.
Mit „Alberto Giacometti. Das Maß der Welt“ präsentiert die Kunsthalle Bremen die erste Retrospektive seines Werks in Bremen. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Fondation Giacometti in Paris, aus deren umfangreicher Sammlung die Exponate stammen. Sie werden ergänzt durch ausgewählte Werke aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen sowie einem Film des Dokumentarfilmers Arnold Fanck (1889–1974) und einer Videoarbeit der Künstlerin Ulrika Sparre (1974–2025). Die thematisch gegliederte Ausstellung zeigt alle Medien, die Giacometti verwendete – Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Drucke. Sie bietet einen umfassenden Überblick über sein Schaffen, von seinen frühen Werken bis zur surrealistischen Phase, von seiner Rückkehr zur Figuration bis zu seinen Arbeiten nach Modellen und zur Erfindung seines ikonisch gewordenen Stils der Nachkriegszeit.
Auf einen Blick
Ausstellung
Alberto Giacometti. Das Maß der Welt
Bis 15. Februar 2026
Kontakt
Kunsthalle Bremen
Am Wall 207, 28195 Bremen
Tel. +49-(0)421-329080
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