emmanuel boos verleiht seinen Werken eine
poetische Dimension
„Der Zufall kommt aus der Leere. Dem Künstler bringt er die Fülle“. Auf keine Gattung der bildenden Kunst scheint dieses Zitat von Museumsleiter und Kurator Dietrich Mahlow besser zuzutreffen als auf die der Keramik. Erstens lässt es sich metaphorisch auf die charakteristische Hohlform des aus Ton gestalteten Mediums übertragen. Und zweitens gibt es keine Richtung, die im Entstehungsprozess von mehr Unwägbarkeiten und offenen Ergebnissen geprägt ist – sowohl in Bezug auf den Ton als formgebendes Material als auch in Bezug auf die Glasur und ihre Zusammensetzung aus Mineralien und Metalloxiden.
„Die Möglichkeit des Scheiterns ist ein wichtiges Element in der Keramik“, weiß auch der französische Künstler emmanuel boos, der heute in Mannheim lebt und arbeitet.
Seine beängstigend schönen Porzellan-Objekte lassen diese Erkenntnis aber nur ansatzweise erahnen. Die Glasuren sind mal von hoher Brillanz, mal von samtigem Schimmer, mal perfekt monochrom und eröffnen eine außergewöhnliche Palette von sanftem Gelb, leuchtendem Jadegrün über tiefe Rottöne, seidenmattes Aubergine bis hin zu strahlendem Schwarz.
Am Korpus der Werke lässt sich schon eher vermuten, wie kompliziert das Machtverhältnis zwischen der Intention des Künstlers und dem Eigensinn des Materials in der Keramik sein kann: boos‘ meist kubische Grundformen, die Bezüge zur Minimal Art und Konkreten Kunst erkennen lassen, sind selten stereometrisch. Manche trennt nur ein Hauch von der Perfektion, während andere scheinbar leicht in sich zusammengesunken oder eigenwillig verbogen sind, was zu einem reizvollen Kontrast zwischen strenger Ausgangsbasis und lebendigem Ergebnis führt.
Der herausfordernde Umgang mit den erforderlichen Naturstoffen ist für den 1969 im französischen Saint-Étienne geborenen Künstler so spannend, dass Fragen zum Prozess der Keramikherstellung für ihn zum maßgeblichen Gestaltungsprinzip und Gegenstand künstlerischer Forschung geworden sind. Dabei setzt sich der renommierte Franzose nicht nur mit technischen und ästhetischen, sondern auch mit philosophischen Aspekten des von Erde, Wasser, Feuer und Luft bestimmten Mediums auseinander.
In seiner Modellierwerkstatt erklärt der Keramiker die Grundzüge seiner Arbeit: Nachdem die Porzellanrohlinge während der Trocknungsphase durch natürliche oder künstlerische Einwirkung noch so manche Veränderung erfahren, werden sie in einem sogenannten Schrühbrand bei 980 Grad gebrannt. Im nächsten Schritt wird die Glasur – eine Suspension aus Pulver und Wasser – per Spritzpistole auf den sogenannten Scherben, wie der Tonkorpus dann heißt, aufgetragen. Darauf folgt schließlich der Glasurbrand bei Temperaturen zwischen 1220 und 1340 Grad, wobei es hier mehrere Varianten gibt, wie zum Beispiel den Oxidations- und den Reduktionsbrand (mit mehr oder weniger Sauerstoff), die zu jeweils unterschiedlichen Texturen und Farben in der Glasur führen können. Durch die hohe Temperatur verwandelt sich zudem das mit Kaolin versetzte Tongemisch des Porzellans in die stabilste, härteste und transparenteste Keramik überhaupt.
Das zeigt sich auch an der Komposition Spine von 2022, in der sich wesentliche Grundzüge von boos‘ Ansätzen widerspiegeln: Sie ist dominoartig zu einer gekurvten Linie aus 33 sogenannten Bricks geformt, die seit einigen Jahren den zentralen Porzellankorpus in seinem Werk darstellen. Selbst ohne ihren Titel ruft die Arbeit sofort die Assoziation eines Rückgrats hervor. Doch jeweils zu den Enden hin verlieren die einzelnen Bricks, respektive Wirbel, zunehmend ihre rechtwinklige Form, knicken weg und büßen scheinbar schleichend ihre Stabilität ein, bis sie schließlich wie geschmolzen am Boden liegen.
Für boos stellt die in Spine vorherrschende Glasurfamilie Seladon das „Rückgrat seiner Glasurtätigkeit“ dar, weil der vielfach ausgezeichnete Keramiker schon zu Beginn seiner professionellen Laufbahn intensiv dazu geforscht hat. Das Besondere an der Seladon-Glasur ist die vom darin enthaltenen Eisenoxid beeinflusste Bandbreite ihres Kolorits und ihre bemerkenswerte Wirkung auf farbigem Porzellan, das der Künstler – zusätzlich zur sonst verwendeten, reinweißen Version – hier einsetzt.
Schon in seiner Gymnasialzeit in Bourges besucht boos Kurse in der Keramikabteilung der dortigen Kunsthochschule. Doch nach dem Abitur entscheidet sich der Franzose zunächst für ein BWL-Studium mit Doppeldiplom an der Elite-Universität ESSEC in Paris und an der Universität Mannheim. Vor und nach dem Abschluss verbringt er viel Zeit in Süd-Korea und China, wo er vor Ort in Töpferwerkstätten aktiv ist.
Die Entdeckung einer mit Schuppenglasur versehenen Schale des japanischen Künstlers Shimizu Uichi (1926-2004) versetzt boos einige Zeit später in einen „ästhetischen Schock“. Er ist tief beeindruckt und entscheidet sich in der Folge für die Keramik als beruflichen Weg. Dabei hat er das Glück, beim Maître d’Art Jean Girel (*1947) in Burgund eine dreijährige Ausbildung durchlaufen zu dürfen. Girel, der vor allem für seine ungewöhnlichen Glasuren berühmt ist, sensibilisiert boos für traditionelle Glasurverfahren wie Eisenglasuren aus der chinesischen Tang-Dynastie, Schlammriss-Glasuren im japanischen Stil der französischen Carriès-Schule und eben Seladon, das in der chinesischen Song-Dynastie perfektioniert wurde.
Wenig später fertigt der Keramiker auf der Drehscheibe ausgesprochen filigrane Arbeiten in Blau-, Grau-, Grün-, Beige- und Weißtönen. Wie die Schüsseln und Teller aus dieser Zeit sind es runde Gefäße mit flachem Boden und hauchdünnen Wänden, die sich längst von einer Gebrauchsfunktion verabschiedet haben. Die Ränder neigen sich leicht, fransen zart aus und offenbaren mit ihren Lineaturen eine atemberaubende Ambiguität zwischen Stabilität und Fragilität, Klarheit und Freiheit.
Der Künstler präsentiert die Arbeiten 2005 in einer Einzelausstellung der Galerie Jousse Entreprise in Paris, die seinen Ruf als Keramiker in Frankreich und eine bis heute andauernde Zusammenarbeit mit der renommierten Galerie begründet. Wenig später zieht boos, der Ende der 1990er-Jahre geheiratet hat, mit seiner Familie nach London, um sich im Royal College of Art für einen kombinierten Studiengang (MPhil und PhD) einzuschreiben. Während er sich in seiner Masterarbeit praktisch und theoretisch mit der optischen Tiefe von Keramikglasuren beschäftigt, geht es ihm in seiner Dissertation zur Poetik der Glasur um deren philosophische, psychologische und soziokulturelle Dimension.
Dies spiegelt sich auch in seiner künstlerischen Entwicklung: In den Londoner Jahren löst sich boos von der Scheibe und schafft skulptural anmutende Stücke aus Porzellan. Für die Serie Edge formt er Abdrücke von sogenannten objets trouvés. Sie dienen mit ihren schrägen Oberflächen allein der fließenden Bewegung der Glasur, die durch Tropfenbildung an den Rändern wie erstarrt wirkt: „Ich versuche immer diesen Zustand der Keramik im Prozess der Verformung darzustellen“, erklärt der Künstler. „In diesem Fall geht es um die Widersprüchlichkeit von etwas Fließendem und etwas Statischem. Und genau innerhalb dieser Gegensätze entsteht die Poesie der Materie, die Poesie der Keramik.“
Anschließend treibt boos in seiner Serie der Cobblestones die auf formaler Ebene bestehende Gegenseitigkeit von Innenraum und Außenhülle auf die Spitze, indem er hier die potenzielle Zerbrechlichkeit des Porzellan-Hohlkörpers mit einer im Titel suggerierten, massiven Schwere konterkariert und dabei ganz nebenbei auf den Unterschied zwischen Keramik und Bildhauerei verweist. Darüber hinaus nimmt er als Franzose mit diesen „Pflastersteinen“ eine metaphorische Protesthaltung gegenüber dem am Royal College of Art vorherrschenden Formalismus ein, wie er erzählt.
Kurz nach dem Studium vermittelt ihm die Pariser Innenarchitektin Caroline Sarkozy den ersten Auftrag für eine variable, unorthodoxe Kamineinfassung: boos, den heute eine gewisse funktionale Ambiguität seiner Arbeiten reizt, freut sich über diese Möglichkeit einer Ausweitung in den Raum. Für das Projekt schichtet er Quader unterschiedlicher Größe und Gestalt übereinander und verleiht dem Ganzen einen leicht konstruktivistischen Zug von fragiler Balance.
Im Anschluss an die Promotion intensiviert der Franzose seine Recherchen in Sachen Kupferrot, einer Glasurart, die ihn schon bei den Cobblestones umtreibt. Jetzt schafft er flache, an Leinwände erinnernde Wandobjekte mit hinreißenden, erstaunlich differenzierten Farbeffekten. Durch den direkten Bezug zum Tafelbild bekommen die Arbeiten tatsächlich etwas Malerisches. Dabei ergänzt sich die lebhafte, in sich leicht strukturierte Fläche der leuchtenden Rot- und Grüntöne der Glasur mit der launenhaften Form der ungewöhnlichen „Bildträger“. Eine Nähe zur Farbfeldmalerei wird hier spürbar.
Die Faszination für diese besonders komplizierte Glasurfamilie hält selbst dann noch an, als boos in der Cité de la céramique der Manufacture nationale de porcelaine de Sèvres von 2016 bis 2019 eine dreijährige Artist-in-Residence absolviert. Dort werden ihm die Techniken und Verfahren der 1756 gegründeten Manufaktur vermittelt, wobei er die Prozesse selbständig nachvollzieht und alle Ateliers durchläuft. boos ist häufig im Labor, forscht zur Herkunft von Glasurformeln und kreiert zahlreiche eigene Rezepte. Für seine Experimente schafft er eine ganze „Bibliothek“ von glasierten Würfeln, als Pendant zur schriftlichen Dokumentation jeder Sèvrischen Glasurvariante und erweitert sein Farbspektrum ungemein.
In seiner Serie der Monolithen hebt boos dann die skulpturale Qualität von Keramik hervor und lässt seine Objekte als Antipode zum Tafelbild waagerecht aus der Wand ragen. Dabei erinnert die Anordnung von zwei oder drei übereinander gehängten Elementen an eine wild gewordene Donald Judd Struktur.
Das Porzellan ist hier besonders „lebendig“, wie auch in der aktuellen Serie der Bricks und Cobblestones. Die Quader werden in sich zunehmend bewegter, was eindeutig nicht nur am Material liegen kann. Dazu kommen viele mehrteilige Arbeiten, in denen jeweils gleiche Formen sich jetzt berühren, sich ineinander verkeilen oder sich auf abenteuerliche Weise stapeln und dabei die Schwerkraft auszuhebeln scheinen.
Immer virtuoser reagiert der Künstler auf die Tücken des Zufalls, überführt sie in eine konzeptuelle Offenheit seiner Werke. Selbst Risse sind willkommen, weil sie ihn zu überraschenden Ansätzen und Kompositionen führen. Auch an der jüngsten Reihe der Mini-Bricks ist dies zu erkennen. „Manche werden zusammengepresst, andere gegen ein Objekt geworfen. Insgesamt habe ich versucht, die Teile auf neue Art zu verweben,“ erzählt boos. Durch diese Behandlung bekommen die kleinen Quader oft etwas Rundliches, was zu einer interessanten Dialektik zwischen weich und hart führt, die in gewisser Weise mit den unterschiedlichen Stadien des Tons in der Keramikwerdung korreliert.
Auch im Designstück Comme un Lego (2024), für das der Künstler beim Loewe Foundation Craft Prize mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet wird, spielt boos auf die Flexibilität der Porzellanmasse im feuchten Zustand an: Er gibt vor, dass die Beine des fragilen „Möbels“ von unten in die einen Tisch konstituierenden Bricks drücken, so als seien diese noch weich und gerade erst geformt worden.
Während boos den Geheimnissen seines Metiers auf der Spur ist, begrüßt er die „Schönheit des Unerwarteten“ und damit auch die anfangs zitierte Fülle neuer gestalterischer Möglichkeiten. Indem er seine Inspiration aus material-immanenten Prozessen, aus der Geschichte der Keramik und der Kunstgeschichte bezieht, verbindet er auf faszinierende Weise die uralten Eigenschaften von Ton und Glasur mit künstlerisch bemerkenswerten, scheinbar Grenzen überwindenden, plastischen Formulierungen und unglaublich lyrischen Oberflächen.
Als Keramiker, Künstler und Designer gehört emmanuel boos zu einem kleinen ausgesuchten Kreis europäischer Kunstschaffender, die sich ausschließlich der Arbeit mit Ton widmen, vom Handwerk genauso viel verstehen wie von Gegenwartskunst und in beiden Sphären gleichermaßen zu Hause sind. Während man sein Potenzial in Frankreich, Belgien, der Schweiz, Großbritannien, den USA und Südkorea erkannt hat, wünscht man boos, dass das hierzulande – über Heidelberg und Mannheim hinaus – auch bald auf überregionaler Ebene der Fall sein wird.