Traditionell künstlerisch kontrovers diskutiert, ist die Verwendung von Spachtelmassen, Strukturpasten und -gelen heute insbesondere im Trend, um Untergrundstrukturen zu schaffen, Materialien einzubetten und besondere Effekte zu erzielen (Stichwort „Structured / Textured Art“). Auf der einen Seite als rein technischer Zusatzstoff, Aufbau- und Trägermaterial bewertet, schwärmen viele Kunstschaffende hingegen von der Bandbreite an Möglichkeiten, die Spachtelmassen für die Umsetzung künstlerischer Ideen bieten.
Schon die Materialrange lässt diese Vielfalt ahnen: Es gibt weiche, dünn aufzutragende Massen, semitransparent oder transparent und in der Regel mit Acrylfarben oder Pigmenten gut einzufärben. Diese Massen ermöglichen zum Beispiel strukturierte Schichtungen in unterschiedlichen Tönen ohne lange Trocknungszeiten zwischen den einzelnen Aufträgen, siehe die Arbeit unten, in der Fotomaterial in dünnen Schichten schwarz und farbig überspachtelt wurde.
Demgegenüber gibt es pastosere Qualitäten für die plastische Verwendung und halbreliefiertes Arbeiten, Produkte in verschiedenen Farbstellungen und sehr formstabile Massen mit einem hohen Anteil an Füllstoffen, die sich nicht nur für Spachtelarbeiten, sondern auch für einen plastischen Aufbau eignen. Diese Massen sind in der Regel nicht durchscheinend, sondern trocknen glänzend auf oder haben den Charakter einer neutralgrauen Betonschicht (die attraktiv mit leuchtenden Acrylfarben zu kombinieren ist).
Willi Baumeister (1889–1955) galt als einer der Pioniere plastischer Grundierungen und lobte in einem Interview für die Zeitschrift „Maltechnik“ 1955 das prozesshafte Arbeiten mit Emulsions- und Dispersions-Spachtelmassen: „Man holt eben sehr viel aus dem Grund heraus, was die Malerei lebendig macht, wo das Auge gewissermaßen eine Addition von Wirkungen sieht (…) Manchmal schleife ich sogar Schichten teilweise wieder ab, damit der Ton herauskommt, der mir angenehm ist.“ Kurzum: Der Experimentierfreude sind kaum Grenzen gesetzt!
„Der Künstler will etwas ausdrücken, also greift er zu dem entsprechenden Material, manchmal ist es auch so, dass das Material ihn dirigiert.“
Willi Baumeister, 1955
Spachtelmassen können mit dem Japanspachtel glatt aufgezogen oder z. B. mit dem Palettmesser, mit Zahnspachteln oder Kämmen aufgetragen werden. Eingedrückte Drähte oder Gitter, aufgestäubter Sand oder Glaspartikel (die die darunterliegenden Schichten teils durchscheinen lassen) erzielen vielfältige Strukturen. Zusätzlich können auch weitere Materialien, beispielsweise Papiere, Wellpappe etc., als Strukturträger in die Massen eingebettet werden.
In die dritte Dimension reicht obige Installation: Farbig gefasste und dachförmig zusammengefügte Malplatten wurden mit schwarzer, pastoser Spachtelmasse und betongrauer, rauer Spachtelmasse belegt, die teilweise den Durchblick auf die Farben belässt.
Gespachtelte Untergründe bieten spannende Strukturoberflächen, die durch den Auftrag von Farbe noch lebendiger wirken. Für die organischen Strukturen im obigen Bild wurde Spachtelmasse aufgezogen und teilweise in Schwüngen wieder abgetragen. Dieser Untergrund wurde mit Acrylfarbe fast schwarz grundiert und dann dünn mit grauschwarzer Acrylfarbe übermalt, die sich in den Vertiefungen sammelt und die besondere Struktur erzeugt. Zum Abschluss wurde die Oberfläche mit nur leicht angefärbtem Pinsel in purpurvioletter Acrylfarbe übergangen.
Struktur und Plastizität: Den Möglichkeiten scheinen mit Spachtelmassen kaum Grenzen gesetzt, wie die folgenden Ausschnitte belegen: Das 2. Bild zeigt weißes, dünnes Baumwollgewebe, möglichst straff über Drahtformen gespannt und mit Spachtelmasse überzogen, die dem Gewebe Festigkeit, Spannung und Formstabilität verleiht. Die weiteren Werke entstanden aus Schichtungen mit mittelstarker Acrylmasse. Die teils gegeneinander geschobenen Schichten wurden abschließend hauchdünn mit Farbe bearbeitet und lassen an Felsformationen denken.
Viele dünne, übereinander gelegte Farbspachtelschichten scheinen im nachfolgenden Werk förmlich ineinanderzufließen. Den festen Untergrund bildet eine etwa 60 × 60 cm große Holzplatte. Die halbtransparente Spachtelmasse wurde mit flüssiger Acrylfarbe eingefärbt und nur partiell, glatt und sehr dünn mit dem Spachtel aufgetragen und teils wieder abgezogen. Ergebnis ist ein reizvoll-verschwommener, nahezu emailartiger Charakter.