Porträt

Die Magie der Linie

Andreas Noßmann entlarvt menschliche Wesenszüge

Wenn Andreas Noßmann seine Ideenzeichnerisch formuliert, erfüllt eine konzentrierte Atmosphäre den Raum. Getaktet vom regelmäßigen Spitzen der Grafitminen, bringt der Zeichner, Illustrator und Grafiker seine Einfälle zu Papier und lässt Motive entstehen, die das breite Spektrum menschlicher Verhaltensweisen behandeln

Andreas Noßmann ist fasziniert von jenen Momenten des Lebens, in denen der Mensch sich selbst entlarvt. In seinen Arbeiten macht er das menschliche Wesen in all seiner Abgründigkeit und seiner Selbstgefälligkeit zum Thema. Wie ein Magier nutzt er die schmale Schwelle zwischen gegensätzlichen, aber nah beieinanderliegenden Gefühlen, etwa Angst und Neugier, Lust und Schmerz, Schrecken und Überraschung, um daraus spannungsreiche Sujets zu inszenieren, die mit Erwartungshaltungen spielen.

Käthe Kollwitz, Foto: Andreas Nossmann

Käthe Kollwitz
Foto: Andreas Noßmann

Noßmanns Bilder erzählen Geschichten, deren Fortführung der Fantasie des Betrachters überlassen bleibt. Seine poetisch anmutenden Zeichnungen, die den Hoch- und Übermut des Menschen mit einem Augenzwinkern offenlegen, erinnern an Capriccios. Ihre Protagonisten sind häufig Gaukler oder Artisten, andere Figuren tragen Clownsmützen oder ihre Kopfbedeckungen wie Narrenkappen. Solche Ideen „ergeben sich einfach so“, erklärt der Künstler.

„Meine Motive trage ich in mir. Ich habe eine grobe Idee im Kopf, der Rest entsteht beim Zeichnen.“

Umgeben von Grafitminen und Buntstiften, Anspitzer und Radierer, Tusche und Feder, Aquarellfarbe und Pinsel treibt Andreas Noßmann täglich seine Bildfindungen voran. Mit fließenden Handbewegungen bringt er die Konturen zunächst mit leichtem Strich zu Papier, dann arbeitet er mittels Linien und Schraffuren die Feinheiten des jeweiligen Sujets heraus. Abschließend greift er zu Aquarellpinsel und Buntstift, um einer Arbeit farbliche Akzente zu verleihen. „Natürlich fällt die Intensität der Farbgebung je nach Motiv unterschiedlich aus, aber grundsätzlich ist das meine Arbeitsweise. Ich beschränke mich bewusst in meinen Arbeitsmitteln“, stellt Andreas Noßmann fest.

Ernest Heminway, Foto: Andreas Nossmann

Ernest Hemingway
Foto: Andreas Noßmann

In seinen mit Bleistift, Kohle oder Federgezeichneten, ausdrucksstarken Porträts etwa neigt er zu einem eher zurückhaltenden Farbenspiel in Aquarell, Farbstift oder Sepia. Er schätzt den formalen Freiraum, den das Porträt bietet. „Man muss ein guter Zeichner sein, um den Charakter einer Person in der Zeichnung herauszuarbeiten.“ Eine Herausforderung, der sich der Künstler nur stellt, wenn ihn die porträtierte Person interessiert, wenn sie ihn berührt oder fasziniert.

Von meist zurückhaltender Farbigkeit sind auch die Zeichnungen seiner neuen Serie, die sich – unter Verzicht auf das Skurrile oder Groteske – motivisch der vordigitalen Arbeits- und Lebenswelt zuwenden. Deutlich farbiger sind die Venedig-Veduten des Künstlers und neuerdings auch seine zeichnerischen Fantasien von Landschaften, die geradezu malerisch anmuten.

In dem sensiblen Umgang mit der Farbe zeigt sich die Affinität des Künstlers auch zu diesem Medium. Als er sein Studium an der GHS-Universität Wuppertal aufnahm, hatte Noßmann eigentlich Maler werden wollen. Sein Professor riet ihm jedoch ab. Er hatte dessen Fähigkeit erkannt, mit wenigen Mitteln und auf dem relativ begrenzten Raum des Zeichenpapiers Geschichten zu erzählen. Noßmann versuchte sich dennoch einige Jahre im Umgang mit der Farbe, blieb schließlich aber bei den grafischen Techniken.

Andreas Nossmann, Foto: Peter Illing

Foto: Peter Illing

Der Vielfalt seines Werkes tut das jedoch keinen Abbruch. Zum Repertoire des schaffensfreudigen Zeichners gehören auch figurenreiche Grotesken. Es sind finstere und bitterböse Kommentare zur Abgründigkeit des Menschen. „Auch diese dunkle Seite habe ich in mir“, sagt Noßmann. Zeichnungszyklen wie Die 7 Todsünden oder Variationen zu Goya – Epilog zeigen bisweilen brutale Szenen mit grotesk verzerrten Figuren vor düsteren, theaterhaft anmutenden Kulissen. Goyas „Caprichos“ sind Noßmann ein lebenslanger Begleiter, seit den 1980er-Jahren setzt er sich auch künstlerisch mit ihnen auseinander, damals noch vor allem in formaler Hinsicht. Im Laufe der Zeit haben ihn die Inhalte ebenfalls in ihren Bann gezogen. „An Goya bewundere ich die technische Virtuosität und wie er in seinen Bildern versteckt Kritik übt. Seine Themen sind heute noch aktuell“, stellt der Künstler fest. Sein Interesse an dem großen spanischen Maler spiegelt letztlich auch das, was die eigenen Werke ausmacht: Im Rückgriff auf Darstellungsformen, die heute in Vergessenheit zu geraten drohen, verweist Andreas Noßmann auf die Kunstgeschichte, seine Auseinandersetzung mit den Torheiten des Menschen ist zeitlos aktuell.

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Profile

Andreas Noßmann (*1962) studierte Industrie- und Kommunikationsdesign mit den Schwerpunkten „Freie Grafik“ und „Gestaltungstheorie und Ästhetik“ an der GHS-Universität Wuppertal. Seit 1986 ist er als freier Zeichner tätig. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und Europa präsentiert sowie in Buch- und Katalogprojekten. Er lebt und arbeitet in Brühl bei Köln.

Foto: Peter Illing

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