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Hintergrund

Das Verlangen der Dinge

Tina Haases Verwandlungen

Aus etwas Alltäglichem etwas Besonderes machen, das ist eine Kunst. Wer wird das bestreiten? Viele Märchen erzählen davon. Aus Stroh Gold spinnen. Den Frosch in einen Prinzen verwandeln. Die Sehnsucht nach so einem Moment reiner Magie, der alles verändert, treibt uns alle um. Tina Haase scheint im Besitz dieses magischen Zauberstabs zu sein, der einen Gegenstand nur berühren muss, um ihn augenblicklich in etwas ganz Anderes, Neues und Strahlendes zu verwandeln.

Wie viele Künstler*innen ist auch Tina Haase mit einer ausgezeichneten Beobachtungsgabe gesegnet. Sie entdeckt feine Besonderheiten und Qualitäten in Dingen, denen wir normalerweise nicht viel zutrauen. Es geht ihr gerade nicht um Desig-nerprodukte, zu deren Herstellung bereits viel Aufmerksamkeit aufgewendet wurde. Ihre Zuwendung gilt dem Heer der Billigware, den achtlos produzierten Dingen an der Grenze zum Abfall. Aber genau dieser vermeintlichen Wertlosigkeit stemmt sich die Künstlerin entgegen. Ihre Werke generieren einen Mehrwert, der nicht nur im krassen Gegensatz zum geringen pekuniären Selbstwert des einzelnen Produkts steht, sondern es aus dem merkantilen Kreislauf herausholt und auf eine höhere Ebene stellt. Die Dinge finden zu ihrer eigenen Würde. Stellvertretend für uns gelingt den tapferen Mülltüten, Plastikkleiderbügel und Nähgarnröllchen ein Befreiungsschlag aus dem Kreislauf von Werden und Vergehen. Anstatt einfach zu verschwinden, stellt sich heraus, dass sie voller Leben und in der Lage sind, in Schönheit zu erblühen. Dies zu beobachten, kann Heiterkeit und Bewunderung, aber auch regelrechte Glücksgefühle hervorrufen.

Stratigraphie 1, 2 und 3, 2014/2016, Puzzleteile Foto: Tina Haase.

Stratigraphie 1, 2 und 3, 2014/2016, Puzzleteile
Foto: Tina Haase

Häufig bedient sich Tina Haase, die sich selbst als „Sozialarbeiterin für das Material“ bezeichnet, gängigen Mitteln der Verdichtung wie schichten, stapeln, verbinden, um versteckte formale Qualitäten zutage zu fördern. Viele Einzelelemente schließen sich zu einem größeren Konglomerat zusammen. Der Witz steckt in der Art und Weise, wie diese neuen Verbindungen hergestellt werden. Man muss erst einmal darauf kommen, Puzzleteile skulptural aufzufassen und anstatt in die Fläche in die Höhe zu gehen, bis ein muschelartiges, organisches Gebilde entsteht. Oder bunten Papierschirmchen, die normalerweise zur Verzierung von Eisbechern dienen, aufgespannt und mit dem Stiel nach außen aneinandergeleimt ein neues Dasein zwischen Riesenbazillus und Igelfisch zu bescheren. Strukturelle Besonderheiten werden betont oder überhaupt erst sichtbar, aber darin erschöpft sich kein Selbstzweck. Der Blick oszilliert immer wieder zwischen den altbekannten Ausgangsutensilien und der Eigendynamik der daraus entstandenen, wundersamen Neuschöpfung.

Radierungen, 2015, Mulitple, Gummi, Foto: Hubert P. Klotzeck

Radierungen, 2015, Mulitple, Gummi
Foto: Hubert P. Klotzeck

Als wahre Spezialistin für Abseitiges hat sich Tina Haase den Fingerabdrücken auf Tesafilm, Schmierspuren auf dem Handydisplay, den gezackten Rändern, die im Briefmarkenheftchen nach Entnahme der Marken übrigbleiben, Radiergummis, Lockenwicklern und dem, was beim Spitzen eines Farb- oder Bleistifts abfällt, gewidmet und in zauberhafte Arbeiten verwandelt. Es kann sich dabei um kleine oder große Objekte, Arbeiten auf Papier, Wand- oder Bodenarbeiten oder auch um raumfüllende Installationen handeln. Die Künstlerin arbeitet gerne mit Räumen. Dann kann sie ihre Sensibilität für das Material in den Raum hinein ausdehnen und erforschen, was fehlt oder was schon in ihm steckt und nur noch stärker betont werden muss.

Tütenplastik, 2017, Papier, für das Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach Foto: Eberhard Weible, Köln

Tütenplastik, 2017, Papier, für das Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach
Foto: Eberhard Weible, Köln

Ein besonderes Paradestück gelang ihr 1995 im Kunstmuseum Villa Zanders durch einen beherzten Umgang mit der spezifischen Raumausstattung der Gründerzeitvilla. Haase ließ den stattlichen Kronleuchter herab bis auf das Parkett und bettete ihn ein in Hunderte von aufgeschütteten losen Glühbirnen. Wurde der Leuchter eingeschaltet, ergoss sich ein wahres Meer aus Lichtreflexen über den Boden. Der Raum badete sich förmlich in dieser aufschäumenden, zerbrechlichen Woge aus Licht und strahlender Festlichkeit.

Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen, Kunststoff-Mappen und Schubladen, 3,5 x 5,5 m, Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt, 2017 Foto: Tina Haase

Wieviel Farbe kannst Du noch ertragen?, Kunststoff-Mappen und Schubladen, 3,5 x 5,5 m, Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt, 2017
Foto: Tina Haase

Bei anderen Raumsituationen arbeitete Tina Haase mit farbigen Elementen. Die jahrelange Beschäftigung mit der besonderen Farbigkeit von Kunststoffen, die allüberall, bei Wäscheklammern, Papierkörben oder Dokumentenmappen Verwendung finden, führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Farbe bis hin zu malerischen Fragestellungen. Die ausgebildete Bildhauerin sieht sich als Grenzgängerin zwischen Bildhauerei und Malerei. Wieviel Farbe kannst du noch ertragen? lautete der selbstironische Titel einer 28 qm großen, wandfüllenden Arbeit im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt aus dem Jahr 2017, in der sie mit übereinander geschichteten Plastikkladden und Schnellheftern experimentierte. Analog zur Malerei mit dem Pinsel wurden aus dem normierten Büromaterial abstrakte Farbflächen aufgebaut, die an die Pixel einer ungeheuer vergrößerten, digitalen Fotografie erinnerten. Zwischen den farbigen Feldern mit ihren unterschiedlichen Transparenzen entwickeln sich lebendige Wechselbeziehungen. Plastikhüllen aus milchig eingetrübtem Material, den grelleren Kollegen übergeschoben, lassen Unschärfen entstehen. Erst durch die Brechung der Farben entsteht die besondere malerisch-räumliche Wirkung. Die harten Linien und rechten Winkel aus dem Werkzeugkasten der Konkreten Kunst füllen sich mit Leben, sodass ein pulsierender, vom Licht beseelter Farbkörper entsteht. Die funktionalen Requisiten des Büroalltags werden zum Auslöser einer diaphanen Farbraumerfahrung.

Situation Bunt, 2017, Kunstverein Kirchheim Teck, Installation aus Mülltüten Foto: Carsten Riedl, Kirchheim unter Teck

Situation Bunt, 2017, Kunstverein Kirchheim Teck, Installation aus Mülltüten
Foto: Carsten Riedl, Kirchheim unter Teck

Im selben Jahr erfolgte die Verwandlung der Städtischen Galerie im Kornhaus in Kirchheim unter Teck zur Situation Bunt. Zur Realisierung dieser eindrucksvollen Intervention benötigte die Künstlerin nichts weiter als Mülltüten. Sämtliche Fenster wurden mit diesen gängigen, kräftig bunten bis pastellfarbenen Mülltüten verklebt, die häufig auch noch mit einem Duft ausgestattet sind. Sie tauchten den Innenraum in farbiges Licht und schufen eine sakrale Atmosphäre wie in einem Kirchenraum, während die verhängten Fenster von außen eher an eine Baustelle denken ließen. Es ist eben eine Frage der Perspektive, ob man Kunst oder Mülltüten wahrnimmt. Die Mülltüten blieben ja Mülltüten und wurden überhaupt nicht verändert. Nach dem Abbau der Installation erfuhren sie noch weitere Verwendungen in anderen Rauminstallationen oder auch in einzelnen Objekten.

Wunschkonzert, 2025, Installation für den Kunstverein Ludwigsburg, div. Textilien Foto: Tina Haase

Wunschkonzert, 2025, Installation für den Kunstverein Ludwigsburg, div. Textilien
Foto: Tina Haase

Als Künstlerin, für die der Gedanke des Recyclings und der Vermeidung unnötiger Umweltbelastungen durch Material wie Transport immer schon eine große Rolle spielte, kommt Tina Haase mit immer weniger aus. In der Rauminstallation Wunschkonzert, die sie 2025 im Kunstverein Ludwigsburg zeigte, geht es um die Intensivierung der Farberfahrung, indem die Betrachtenden beim aktiven Herumgehen in einem Raum zwischen darin aufgehängten Tüchern immer wieder andere Farbbilder und -mischungen erleben. Die farbigen Tücher stammen teilweise noch aus Haases Video Wush von 2017, das ebenfalls mit einem verblüffend einfachen Setting in der Lage ist, eine Welle positiver Emotionen freizusetzen. In dem dreieinhalbminütigen Kurzfilm kommt eine Gruppe von Frauen mit Kleinkind in einem Park zusammen, um bunte Tücher fliegen zu lassen. Der stark wechselnde Wind ergreift die Tücher und wird zum übermütigen Mitspieler. Die Art der Zusammenstellung einzelner Sequenzen durch Schnitt und Verfremdungstechniken wie kurzzeitiges Rückwärtslaufenlassen der Bilder, Solarisation, Überblendungen etc. macht aus dem unbeschwerten Treiben eine komplexe Choreografie aus Farben, Formen und Bewegungen, unterlegt mit einer eigens komponierten Tonspur aus sanft bis schräg versponnenen Klängen.

Situation Bunt III, Licht-Installation für Villa Friede, Bonn, 2025 Foto: Eberhard Weible, Köln

Situation Bunt III, Lichtinstallation für Villa Friede, Bonn, 2025
Foto: Eberhard Weible, Köln

Bedauerlicherweise gibt es nur wenige Filmarbeiten von Tina Haase. Gerade in diesem Medium zeigt sich besonders frei und spielerisch ihre unnachahmliche Fähigkeit, lästige Einschränkungen wie Schwerkraft, Perspektive und Raumgrenzen einfach außer Kraft zu setzen. Wie bei Kunstflug aus dem Jahr 2015, einem weiteren äußerst amüsanten Kurzfilm, bei dem die sonst so einsam am Himmel ihre Bahnen ziehenden Flugzeuge allein mittels Überblendungen und Perspektivwechsel zu ferngesteuerten Insekten mutieren, die einen wilden Tanz miteinander aufführen. Die Kenntnis von den inzwischen real existierenden Drohnenvorführungen verstärkt noch die umwerfende Komik dieser Arbeit.

Nicht erst seit ihrer Professur an der Fakultät für Architektur der TU München, die sie von 2007 –2024 innehatte, liegt ihr die sogenannte „Kunst am Bau“ besonders am Herzen. Unter ihren realisierten Beiträgen in dieser schwierigen Kategorie finden sich so beeindruckende Werke wie die Wandarbeit im Universitätsklinikum in Halle an der Saale, bei der sie die Poren des Sichtbetons mit fluoreszierenden Plastikstäben bestückte. Wieder gelingt es ihr, den 14 Meter hohen Lichtschacht der Kinderklinik mit einem Nichts an Material in eine bewegte, licht- und farbintensive Lebendigkeit zu versetzen. Oder die ganz aus Legosteinen gebaute Einfassung des Ingeborg-Ortner-Kinderhauses in München namens Realphantasierter Kindertraum. Ganz besonders besticht ihr Beitrag für die JVA Neuruppin-Wulkow. Schon mit ihrer schieren Dimension von 6,5 x 150 m ist die Wandmalerei an der Gefängnismauer wohl ihre bisher spektakulärste Arbeit. In unregelmäßigen Abständen sind dort insgesamt 30 senkrechte Streifen aufgemalt, die wie Sehschlitze wirken. Es hat tatsächlich den Anschein, als ob sich die Wand hier öffnen und den Blick auf die JVA freigeben würde. Aber da es sich nur um gemalte Illusion handelt, sieht die Mauer von der JVA aus betrachtet so geschlossen aus, wie sie es auch tatsächlich ist. Für die Künstlerin liegt darin die besondere Tragik der Situation eines Gefangenen: Nicht nur der Weg, sondern auch der Blick nach draußen bleibt versperrt.

Plakataktion anläßlich des 100 Jahre Frauenwahlrecht inszeniert von EWVA (Equality for Women in Visual Arts) Foto: Eberhard Weible, Köln

Plakataktion anlässlich „100 Jahre Frauenwahlrecht“, inszeniert von EWVA (Equality for Women in Visual Arts)
Foto: Eberhard Weible, Köln

Mit entwaffnendem Humor rückt Tina Haase auch tabuisierten Themen zu Leibe. Der Körper mit den ihm aufoktroyierten Normierungen, seinen Beschränkungen und dem unaufhaltsamen Alterungsprozess bildet einen weiteren Themenschwerpunkt. In Einer für Alle, einem Kurzfilm von 2:45 min Länge aus dem Jahr 2009, agieren Frauen mit BHs, die sie in vielen Schichten übereinander tragen, und führen mit unschuldiger Komik vor wie es ist, wenn alle in ein Schema passen sollen. Der BH als standardisiertes Alltagsutensil, immer gegenwärtig, aber meist unsichtbar, hergestellt aus seltsamen Materialien in draller Farbigkeit und oft genug an eine Rüstung erinnernd, ist ein ergiebiges Forschungsobjekt. Für eine Kapelle in Passau hat Tina Haase BHs zu bunten Girlanden verbunden. Mag dies schon für Provokation gesorgt haben, so scheint gerade für manche männlichen Betrachter der Anblick ihrer weichen Skulpturen aus zusammengenähten BHs kaum erträglich. Die Form – wie immer aus dem im Gegenstand Vorgegebenen entwickelt – setzt sich aus runden Wölbungen und phallisch auskragenden Ausstülpungen zusammen. Ein perfektes Bild der Durchdringung von weiblicher und männlicher Sexualität. Ob es zur Entschärfung dieser „gefährlichen“ Objekte beiträgt, dass Haase mit der Titelgebung AKWs augenzwinkernd auf andere Assoziationen hinlenkt, ist unbekannt.

Familie Wondwerbra, MDF, Serviettentechnik, Stoffe, Zellulose, 2017 (Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach) Foto: Tina Haase

Familie Wonderbra, MDF, Serviettentechnik, Stoffe, Zellulose, 2017 (Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach)
Foto: Tina Haase

Gerade die Arbeiten mit dem Fokus auf das Körperliche zeigen deutlich, dass es bei aller Beschäftigung mit dem Material im Grunde immer um den menschlichen Bezug geht. Die Zuwendung gilt den Dingen stellvertretend für die Menschen und ihrer von Dingen, Räumen und Normierungen geprägten Situation. Hinter den Garnröllchen stehen die Heerscharen von Akkordarbeiterinnen der Textilindustrie, hinter den Wäscheklammern die unermesslichen Stunden unbezahlter Care-Arbeit, hinter den Prospekthüllen die mit endloser öder Büroarbeit verlorene Lebenszeit. Humor und Leichtigkeit werden nicht eingesetzt, weil alles in Ordnung ist. Ganz im Gegenteil scheinen sie das stärkste Mittel gegen eine tief empfundene Schieflage. Tina Haases Kunst ist kämpferisch und zugleich tröstlich. Sie nimmt ein wenig von dem Druck, mit dem das Leben auf uns lastet, und richtet den Blick auf Freiräume und unbesetzte Leerstellen im Getriebe. Diese Arbeiten sind immer warm und menschlich. Bei aller Formenstrenge bleiben sie freche und fröhliche Versionen einer vor allem lebensbasierten Kunst.

Links: Tragwerk, Bäckerkisten, Verschraubt, Licht; rechts Situation bunt II, Mülltüten an Fenstern, 16. RischArt_Projekt, Backstube München Foto: Tina Haase
Links: Tragwerk, Bäckerkisten, Verschraubt, Licht; rechts: Situation Bunt II, Mülltüten an Fenstern, 16. RischArt_Projekt, Backstube München Foto: Tina Haase
Sculptorfinder, 2019, Holz, Pappe Foto: Tina Haase
Sculptorfinder, 2019, Holz, Pappe Foto: Tina Haase
Flaum, 2023, Folien Foto: Tina Haase
Flaum, 2023, Folien Foto: Tina Haase
Schwanenburger Nymphe, 2013, Porzellanteile, verklebt Foto: Eberhard Weible, Köln
Schwanenburger Nymphe, 2013, Porzellanteile, verklebt Foto: Eberhard Weible, Köln

 


Porträt der Künstlerin Tina Haase

 

Tina Haase, lebt und arbeitet in
Köln und München.
www.tinahaase.de

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