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Hintergrund

Experimentierfelder

Die wesenhaften Objekte von Barbara Koch

Das Atelier von Barbara Koch im Hinterhof des Dortmunder Künstler*innen-Hauses wirkt wie ein Labor. Überall auf dem Boden und an den Wänden sprießt und wuchert es. Pilzähnliche Gebilde ragen in schrillen Farben in den Raum, gurkenartige Objekte in fluoreszierendem Blau gruppieren sich in einer Ecke, überdimensionierte Grasbüschel in orange-gelben Neonfarben hängen von den Wänden. Unter Glas eine Installation, die Wesenhaftes über Schläuche zu beatmen scheint …

Das strukturierte Chaos dieser vital wirkenden Gebilde lässt an fotografische Vergrößerungen von Zellteilungen, an Bilder von Viren oder von Bakterienkulturen denken. Schön und geheimnisvoll vermitteln sie den Eindruck, langsam die vorgegebene Fläche zu verlassen, um den Raum zu erobern. Man erwartet in diesem Ambiente nahezu, ein Mikroskop vorzufinden und wünscht sich eine Forschende im weißen Kittel, die hier (noch) alles unter Kontrolle hat.

Der Gedanke blitzt auf, dass in diesem Raum der Mikrokosmos zum Makrokosmos wird, der alles zu überwuchern droht. Er wird getragen von dem Wissen, dass die Menschheit dabei ist, das Leben auf der Erde zu vernichten und von der Furcht, dass die Natur eines Tages zurückschlagen wird. Pigmentgläser in den Regalen, Gipsabdrücke unter dem Tisch, eine Werkbank mit Silikonpistole und Zeichenbücher verraten jedoch, dass das Experimentierfeld von Barbara Koch die Kunst ist.

Screenshot aus dem Video „ Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“ produziert von Fynal

Screenshot aus dem Video „Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“, produziert von Fynal

Intuitiv versteht man, was die Künstlerin interessiert, wenn sie mit dem Forschergeist einer Wissenschaftlerin aus meist eingefärbtem Silikon ihre organischen Formen und biomorphen Strukturen entstehen lässt. Nicht das Dystopische steht hier im Vordergrund. Vielmehr geht es um das Unkontrollierbare, um biologische Vorgänge, um das Zusammenspiel von Abhängigkeiten und Gegensätzen.

Barbara Koch beschäftigt sich intensiv mit Fragen nach dem Respekt vor dem Leben in einer technisierten Welt. Schon seit der ersten Installation der Werkserie „Warteraum“ 2005 versteht sie ihre „Warteräume“ als visuelle Reflexionsräume, in denen sie Themen verarbeitet wie das Älterwerden, den Tod, den Verlust von Menschen, aber auch die Möglichkeiten erörtert, Leben zu verlängern und Krankheiten zu bekämpfen. Dabei kommen deutlich autobiografische Einflüsse zum Tragen. So entstand die Latex-Arbeit für „Warteraum I“ (2005) in einer schwierigen Lebensphase. Warteraum III zeigt atmende Fellwürfel unter Glas, Warteraum IV embryonale Gebilde aus Kunststoff, die mit durchsichtigen Schläuchen verbunden sind. Die künstlichen Objekte bewegen sich jeweils wie lebendig atmend in einem rhythmischen Auf und Ab. Ein anderer „Warteraum“ thematisiert den Tod der Eltern in einer Installation mit Videoarbeit.

Barbara Koch, Lab Sweets #9, 2009

Lab Sweets #3, 2009
Reproduktion (Foto): Marco Wittkowski

Neben der Bearbeitung autobiografischer Themen nennt Barbara Koch ihr „anwaltschaftliches Engagement für die Natur, für Flora und Fauna“ als Triebfeder und Motivation für ihr künstlerisches Schaffen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der die technikgetriebene Menschheit sich ihrer Umwelt gegenüber verhält, und letztlich auch sich selbst gegenüber, irritiert sie zutiefst.

„WARTERAUM VII. Rubber Souls“ (2013) beispielsweise entstand aus diesem anwaltschaftlichen Engagement. Der Raum des Alten Schlachthauses im Kunstverein Neckar Odenwald mit seinen Haken und Ringen zum Anbinden der Tiere war als Installation für Barbara Koch eigentlich schon fertig. Doch als Gedenken an die ermordeten Tiere inszenierte sie zusätzlich neonrosafarbene Wucherungen, die wie Schweinenasen anmuten. Sie befielen den Raum aus allen Richtungen, besetzten und beseelten ihn.

Screenshot aus dem Video „ Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“ produziert von Fynal

Screenshot aus dem Video „Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“, produziert von Fynal

Um die in ihren Augen befremdliche Entfremdung des Menschen gegenüber seiner Umwelt darzustellen, arbeitet Barbara Koch mit dem Mittel der Verfremdung. Das erreicht sie auf der materiellen Ebene durch die unnatürlich grellen und fluoreszierenden Farben im Zusammenspiel mit einem hochwertigen mineralischen Silikon, das den Objekten eine eigenwillige haptische und vitale Anmutung verleiht. Auch vorgefertigte technische Elemente finden Eingang in diese Objekte.

Screenshot aus dem Video „ Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“ produziert von Fynal

Screenshot aus dem Video „Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“, produziert von Fynal

Die ambivalente Wirkung, die sich aus diesem Materialmix ergibt, zeigt sich insbesondere bei Objekt-Serien wie „Lab Sweets“, „Lab Beats“ oder „Beyond Control Labs“: Sie sind fremd und vertraut, bedrohlich, geheimnisvoll und schön zugleich. Wie Pilze, Flechten oder Algen auf kontaminierten Industriebrachen oder in verseuchten Gewässern scheinen sie in beängstigend wirkender Wesenhaftigkeit stetig die Grenzen zu überwuchern, die Barbara Koch ihnen zuweist, wenn sie sie mal als Bildwelt auf Leinwand oder Acrylplatte, mal als Installation hinter Glas setzt oder sie sich frei im Raum ausbreiten lässt.

Barbara Koch experimentiert damit, dass die Natur immer neue, bisweilen auch krankhafte Wege findet, sich Gegebenheiten anzupassen. In ihren Arbeiten veranschaulicht sie Möglichkeiten. Mit welcher Wirkung? Das überlässt die Künstlerin den Betrachterinnen und Betrachtern.


Screenshot aus dem Video „ Barbara Koch - Sweet Poison“, aus der Reihe „boesner.LEBEN“ produziert von Fynal

Barbara Koch,
geboren 1961 in Wuppertal,
lebt und arbeitet in Dortmund.
www.barbara-koch.de

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