Ausstellung

Die Kraft der Ambivalenz

Tobias Pils im mumok in Wien 

Er hat mit großer Konsequenz und Sensibilität eine eigene Bildsprache entwickelt, die auf die Kraft von Ambivalenzen setzt und sich der schnellen Lesbarkeit entzieht: Tobias Pils wird zu den spannendsten malerischen Positionen der Gegenwart gezählt. Das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (mumok) präsentiert derzeit die bislang umfangreichste Ausstellung seines Werks und knüpft damit an die hausinterne Tradition von Mid-Career-Surveys österreichischer Künstler*innen an, die auch international Erfolge feiern.

Tobias Pils, 2025 Foto: Georg Petermichl / mumok

Tobias Pils, 2025
Foto: Georg Petermichl / mumok

Das Werk von Tobias Pils ist geprägt von einer tiefen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Malerei und sucht zugleich aktiv den Dialog mit der Gegenwart. In einer reduzierten, oft fast enthaltsamen Farbwelt entfalten sich Bildräume, in denen das Persönliche ins Allgemeine übergeht und das Intime ins Monumentale wächst. Wiederholungen, Variationen und Brüche kreieren ein Spannungsfeld, das den Blick immer wieder neu ausrichtet und das Sehen selbst als eine fortwährende, offene Erkundung erleben lässt – wie ein vertrauter Ort, den man zum ersten Mal betritt.

Der Ausstellungstitel „Shh“ trägt dieser Offenheit Rechnung: Es ist kein Wort, das etwas benennt, sondern ein Klang, der eine Wirkung erzielen will. Ein Laut, der zum Leise-Sein auffordert. Eine Geste, die beruhigend oder autoritär wirken kann, Intimität oder Distanz stiftet, einen Raum öffnet oder schließt. „Shh“ hat mit Kommunikation zu tun, mit dem Körper, mit Emotionen und Atmosphäre – allesamt Dimensionen, die auch in Pils’ Malerei eine Rolle spielen. Die Ausstellung im mumok fokussiert auf Pils’ Werk der vergangenen zehn Jahre und schließt damit an seine letzte institutionelle Präsentation in Wien an („Secession“, 2013). Auf zwei Ausstellungsebenen erschließt sich, wie Pils seine Malerei von der Abstraktion zur Gegenständlichkeit und vom Schwarzweiß in die Farbigkeit weiterentwickelt, ohne diesen Unterscheidungen jedoch grundlegende Bedeutung beizumessen: „Ich habe meine Arbeit nie als schwarzweiß gesehen, daher sehe ich sie jetzt nicht als besonders bunt.“

Ausstellungsansicht: Tobias Pils. Shh, 27. September 2025 bis 12. April 2026 Foto: Georg Petermichl / mumok

Ausstellungsansicht: Tobias Pils. Shh, 27. September 2025 bis 12. April 2026
Foto: Georg Petermichl / mumok

Charakteristisch für Pils’ Arbeiten ist ein wiederkehrendes Repertoire an Motiven. Autobiografische Anspielungen verbinden sich mit klassischen Motiven der westlichen Kunstgeschichte, darunter die Heilige Familie, Erlöserfiguren und die Pietà. Der flächige Stil von Cartoons dient ebenso als Vorbild wie die prägnante Formensprache archaischer Bildwerke. Dabei geht es Pils primär um formale Aspekte: „Während ich male, denke ich überhaupt nicht inhaltlich, sondern rein formal. Ich glaube, dass die Form den Inhalt bestimmt.“ Für seine Bilder bedeutet dies, dass Motive mutieren, sich verlieren, um sich dann erneut aufzubauen. Die Thematik von Werden und Vergehen – der zyklische Kreislauf des Lebens – dient als Ausgangspunkt, um zentrale Fragen der Malerei immer wieder neu zu stellen. Eine malerische Markierung führt zur nächsten, ein Bild zu einem weiteren, als würde auch die Malerei unausgesetzt ihren Tod und ihre Wiedergeburt inszenieren.

Bemerkenswert ist Pils’ Herkunft aus der Zeichnung. Nach einem Studium der Grafik an der Akademie der bildenden Künste in Wien arbeitet er in den 1990er-Jahren vorwiegend mit Bleistift und Tusche auf Papier, bevor er 2005 an die Leinwand wechselt. Dieser langjährigen zeichnerischen Tätigkeit, auf deren Anfänge eine Gemeinschaftsarbeit mit der Literatin Friederike Mayröcker verweist, ist die Vorliebe des Künstlers für das Schwarzweiß-Spektrum geschuldet. Darüber hinaus prägt sie auch den Herstellungsprozess der Malereien: Pils’ Bilder entstehen über viele Jahre auf dem Boden, wo er die rohen Leinwände von allen vier Seiten bearbeitet. Erst 2020 beginnt er, grundierte Leinwände und eine Staffelei zu verwenden. Die Geister von 2024–2025 demonstrieren, dass Pils seine Bilder beim Malen gelegentlich auch heute noch – wie ein Blatt Papier – dreht.

Bei Tobias Pils dient die Thematik des Werdens und Vergehens als Ausgangspunkt, um zentrale Fragen der Malerei immer wieder zu stellen.

Ein zentrales frühes Werk der Ausstellung ist Untitled (Mädchen) von 2015, das das Cover der die Ausstellung begleitenden Publikation ziert. Diese monumentale Darstellung einer Strichfigur, die an eine Kreuzigung, aber auch an ein Verkehrsschild denken lässt, entsteht nach einem längeren Aufenthalt in New York, der die Weichen für Pils’ Auseinandersetzung mit der Malerei als Fläche stellt. In den Folgejahren entwickelt er ein Repertoire von cartoonhaften Charakteren, die er „Wiener Vögel“ oder „Knilche“ nennt und zu flächigen Konstellationen verbindet. Diese Charaktere erhalten ein Geschlecht – gelegentlich auch mehrere – und pflanzen sich fort, was zum Sinnbild für Bildergruppen wird, die gewissermaßen einen Genpool teilen.

2018 spricht Pils im Zusammenhang mit seinen Bildern erstmals von „Familien“ und genealogische Überlegungen gewinnen an Bedeutung. Besonders deutlich wird dies in dem Zyklus Seven Days, in dem eine Schöpfungsgeschichte zur Metapher für den kreativen Prozess wird. Pils’ Ausgangsidee war es, Figuren bei der Handhabung eines Passstückes des österreichischen Künstlers Franz West zu zeigen. Tatsächlich muten seine Figuren selbst wie Passstücke an: Ihre hölzernen Körper sind dem Bildformat flächig eingepasst, während sie die eigentlichen Passstücke als Balken vor dem Gesicht, als eine Art Heiligenschein oder als Nasenprothese tragen. Seven Days verhandelt mit dem Ursprung der Schöpfung auch die Genese der eigenen Malerei. Im Großen wie im Kleinen entwickelt Pils eine Kosmologie der Formen, die sich fortlaufend selbst hervorzubringen scheinen.

Tobias Pils Geist, 2024 Öl auf Leinwand 150 x 180 cm Courtesy Tobias Pils, Galerie Eva Presenhuber, Zürich/Wien und Galerie Gisela Capitain, Köln Foto: Jorit Aust © Tobias Pils

Tobias Pils, Geist, 2024, Öl auf Leinwand, 150 x 180 cm, Courtesy Tobias Pils, Galerie Eva Presenhuber, Zürich / Wien und Galerie Gisela Capitain, Köln
Foto: Jorit Aust, © Tobias Pils

Auf anschauliche Weise demonstriert dies eine Gruppe von Baumbildern aus dem Jahr 2019, die in der Ausstellung Kante an Kante gehängt einen artifiziellen „Wald“ ergeben. Darin variiert Pils das paradiesische Motiv eines Liebespaares, das sich unter einem Apfelbaum dem Geschlechtsakt hingibt. Aus den Zutaten „Baum“, „Liebende“ und „Äpfel“ entstehen sechs ganz unterschiedliche Kompositionen, in denen Form und Inhalt, das Natürliche und das Künstliche wiederholt die Plätze tauschen. Das „Verkuppeln“ und die „Reproduktion“ sind Gegenstand der Darstellung und bestimmen zugleich den Aufbau der Bilder.

Die unkonventionelle Hängung der Baumbilder führt vor, dass sich Pils’ Interesse am Ineinanderpassen der Formen, an Fragen von Rhythmus und Taktung, nicht auf einzelne Kompositionen beschränkt. Vielmehr betrachtet er seine Bilder als Teil eines größeren Ganzen, das auch das räumliche Gefüge umfasst. Dies zeigt sich überall dort, wo die Hängung der Bilder von klassischen Präsentationsweisen abweicht – und ganz besonders in der von Pils speziell für das mumok konzipierten Wandmalerei, in der sich die Figur aus Untitled (Mädchen) entlang einer fast zwanzig Meter langen Wand zur Ruhe begibt.

Tobias Pils Untitled (Mädchen), 2015 Mischtechnik auf Leinwand 320 × 200 cm mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Tobias Pils, 2025 Foto: Jorit Aust © Tobias Pils

Tobias Pils, Untitled (Mädchen), 2015, Mischtechnik auf Leinwand, 320 × 200 cm, mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Tobias Pils, 2025
Foto: Jorit Aust, © Tobias Pils

Als Pils 2020 vom Boden an die Staffelei wechselt und damit den Malprozess buchstäblich auf „neue Beine“ stellt, erweitert sich sein motivisches Repertoire: Plötzlich tauchen Pferde auf, die Figuren tragen, und Augäpfel wie Köpfe, die das Geschehen in und außerhalb der Leinwand sondieren. Im übertragenen Sinne ist das Bild nun ein Körper, der getragen wird. Das Auge wiederum – das an der Staffelei Distanz zum Bild einnehmen kann – ist zu einem mobilen Organ geworden. 2022 bricht Pils sich bei einem Fahrradunfall die rechte Schulter. Als er nach einer längeren Pause die Arbeit wieder aufnehmen kann, entsteht eine Gruppe von Bildern mit dem Titel Sh, die das Cartoonhafte gänzlich ablegen. Die dargestellten Figuren erscheinen knochig und fragmentiert, mit Gliedmaßen, die grotesk verdreht sind oder durch prothesenhafte Fortsätze ersetzt wurden. Der Eindruck einer foltergleichen Behandlung stellt sich ein, und in fast jeder Komposition taucht ein kleiner alter Mann auf, der sich auf einen Stock stützt.

Die in Sh verhandelte Erfahrung, „ein Körper zu sein“, wie Pils es formuliert, mundet in eine Werkfamilie mit dem Titel Us, in der der Begriff „Familie“ wörtlich zu verstehen ist. Die dargestellten Personen sind dem Künstler vertraut. Er zeigt sie in unterschiedlichen Verhältnissen von Nähe und Distanz, während sich Posen und Gesten wiederholen – besonders markant eine Frau, die kniend ihr langes Haar wäscht, sowie Figuren, die ein Ei halten. Mit dem Körper findet auch die Farbe Eingang in Pils’ Werk. Gebrochenes Braun und Blau verleihen den Bildern Atmosphäre, erwärmen sie gleichsam von innen. Parallel dazu lässt sich ein stärkerer Fokus auf die Behandlung der Oberflächen beobachten, die mit Verwischungen, Gravuren und Tupfern versehen werden.

Tobias Pils A Found Egg, 2023 Öl auf Leinwand 270 × 199 cm Courtesy Eva Presenhuber, Zürich/Wien Foto: Jorit Aust © Tobias Pils

Tobias Pils, A Found Egg, 2023, Öl auf Leinwand, 270 × 199 cm, Courtesy Eva Presenhuber, Zürich / Wien
Foto: Jorit Aust, © Tobias Pils

Pils’ jüngste Bilder geben einen Ausblick in die Zukunft: In einer Reihe buntfarbiger Stillleben beschäftigt sich der Künstler mit der Idee des Genrehaften – mit der existenziellen Dimension, die im Gewöhnlichen steckt. Die Tische in diesen Bildern muten wie Buhnen an, und Gefäße, Kerzen und Blumen werden zu Darstellern in Genrestucken, die das Verhältnis von Stillstand und Bewegung, von Fläche und Volumen erproben. „Im Grunde steht aber alles still“, schreibt Friederike Mayröcker 1993 zu einer von Pils’ Zeichnungen, „wer kann das verstehen“.

Die Ausstellung im mumok ist die bislang umfangreichste Präsentation von Pils’ Werk. Neben einem Überblick über sein malerisches Schaffen des letzten Jahrzehnts widmet sie sich auch dem umfassenden zeichnerischen Werk des Künstlers. Ebenfalls Teil der Ausstellung ist eine für den konkreten Ort konzipierte Wandmalerei, die sowohl auf die transitorische als auch die raumbezogene Dimension von Pils’ künstlerischer Praxis verweist.


Ausstellung
Bis 12. April 2025
Tobias Pils. Shh.

Kontakt
mumok – Museum moderner Kunst
Stiftung Ludwig Wien
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Tel. +43-1-52500-0
www.mumok.at

0 Kommentare
Kommentare einblenden

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren: