Hintergrund

Mit den Händen und den Fingern

Die Bildhauerin Stefanie Wollenhaupt aus Gummersbach bearbeitet das härteste Naturmaterial: den Stein. Bei ihren so genauen, oft realistisch figürlichen Skulpturen kommt es auf die Oberfläche an.

Das Atelier in Gummersbach ist weitläufig mit hohen Wänden, eingepasst in diese schrägen Fenster. Ein lichter Raum mit mehreren Arbeitsplätzen. Nüchtern in seinen ausgewogenen Proportionen, wie geschaffen für Bildhauerei, die nach der Umquerung ruft. Platz genug auch, um die fertigen Arbeiten auf Sockeln zu präsentieren, besser: im Vergehen der Zeit zu überprüfen und vielleicht noch Erkenntnisse für die kommenden Werke zu gewinnen. Überraschend ist nur, dass sich das Atelier im zweiten Obergeschoss befindet. Neben der Tür führt eine Treppe zu einer geräumigen Galerie empor. Von dort hat Stefanie Wollenhaupt einen anderen Blick auf ihre Arbeiten: Die Vogelperspektive erweist sich als Verfahren der Kontrolle. Dabei sind die Skulpturen aus Stein und aus Ton gar nicht so groß, selten höher als einen halben Meter, meist kleiner, mitunter zweiteilig. Das Tageslicht trifft auf die Steinflächen, sammelt sich in ihnen oder strahlt zurück.

Die heitere Besonnenheit und stille Nachdenklichkeit ist hier der Normalzustand. Draußen, im Hof, schlägt Stefanie Wollenhaupt die Form aus dem Stein, oben im Atelier erfolgt die Feinjustierung, das Nachschleifen und das Polieren. Hier arbeitet sie auch mit Ton, formt aus der feuchten Masse ihre Figuren: Ja, es sind immer Figuren, meist Frauen, die sie mitunter in einen Rostton fasst. Der Körper ist als Volumen verstanden, daraus entwickeln sich anekdotische Szenen, etwa wenn eine realistisch modellierte füllige Frau auf einer sich kräuselnden weißen Ebene aus Papier, die mit hellem Blau unterlegt ist, sitzt, eine Touristin am Strand: Die Plastik heißt – genau so geschrieben – „Inruhe“ (2015). Sie habe das Leben zeigen wollen, wie es ist, sagt Stefanie Wollenhaupt, und gerade dem Frauentypus der Modemagazine widersprechen wollen. Alles andere als die Gelassenheit des Urlaubs kennzeichnet hingegen eine Skulptur, die 2013 aus der Kombination von Stein und Ton entstanden ist. Bei „Die Welle“ erweist sich das Meer als Bedrohung: Über einer weiblichen Figur wölbt sich eine Wand und schließt sich dabei fast zur Röhre. Sie scheint im nächsten Moment über der Frau mit den lockigen langen Haaren zu zerspringen und sie zu umhüllen. Diese lehnt sich nach hinten, ihre Beine rudern in der Luft, sie hält gerade noch die Balance. Und über ihrem Körper breitet sich der grauweiße Stein aus. Seine Öffnung lässt an einen Schlund denken … Natürlich spielt Stefanie Wollenhaupt auf den Tsunami und all die Naturkatastrophen an, die oft mit dem Klimawandel einhergehen. Und es lohnt sich darüber nachzudenken, dass das flüssige Wasser hier als starres, festes Gestein dargestellt ist.

Aber noch ein anderer Gedanke, ja, eine geradezu körperliche Handlung ist für die Kunst von Stefanie Wollenhaupt wichtig: Der Vorgang des Umfangens – zwischen Schützen und Bedrohen – erweist sich als ein Zentralmotiv ihrer Bildhauerei. Eine der ältesten Skulpturen im Atelier ist „Innen-Leben“ (2008), geschlagen aus der Steinsorte Stearit, die eine Vielzahl farblicher Nuancierungen bereithält und zwischen ihrer unbearbeiteten Außenhaut und ihrer inneren Struktur deutlich differiert. Das ist nun auch ein zentraler Aspekt von „Innen-Leben“. In die dreieckig ausgerichtete dünnwandige Scheibe, deren Ecken amorph auslaufen, hat Wollenhaupt ein Oval geschnitten, in dem sich, verbunden an wenigen dünnen „Stäben“, die Form eines Keimlings befindet. Während die Außenform unruhig pulsiert und im oberen Bereich tiefe Einkerbungen wie Verletzungen aufweist, ist der Keimling poliert, glatt und erheblich dunkler. Zugleich besitzt er in seiner langen Streckung die Vitalität eines Insektes. Anorganische Materie ist in ihrem Inneren zu organischer verwandelt, als Sinnbild für Leben. Bildhauerisch ist eindrucksvoll, wie Stefanie Wollenhaupt den Kokon aus dem Stein heraus„geschält“ hat und ihn dort stabil hält. Zugleich schlagen in der scharf konturierten Form Positiv (Materie) und Negativ (Aussparung) um: Das formale Geschehen reflektiert noch das inhaltliche Ereignis. Im Zustand des pflanzlichen Wachstums aber sind Bewegung und Veränderung angelegt.

Die Welle, 2013, Stearit und Ton, 45 x 60 x 25 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Inruhe, 2015, Ton auf Papier, 20 x 22 x 14 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Innen-Leben, 2008, Stearit, ca. 25 x 20 x 6 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

„Kunst soll Freude machen“

Auch wenn Stefanie Wollenhaupt bisweilen realistische, bisweilen expressive Malereien (häufig Porträts) anfertigt und immer schon gezeichnet hat: Sie ist vor allem Bildhauerin. Im Atelier berichtet sie – nachdenklich redend, immer nur in wenigen Sätzen – von ihrer Abschlussarbeit 1990 am Institut für Waldorfpädagogik in Witten-Annen: einem sich aufbäumenden Pferd mit einer Figur, die das Tier mit innerer Ruhe hält – im Atelier befindet sich auf dem Fensterbrett ein kleines Modell. Mit einer Höhe von etwa 2,20 m ist diese Steinguss-Skulptur, die seit ihrer Fertigstellung in einem Hof der Evangelischen Stiftung Volmarstein in Wetter steht, zu berühren und sogar zu besteigen. Sie ist Teil des Alltags, weist auf Kreatürliches und eine Verbindung des Menschen mit dem Tier. Generell, und gültig auch für ihre heutige Kunst, sagt Stefanie Wollenhaupt: „Kunst soll Freude machen.“ Sie solle mitten im Leben stehen und dort eine positive Botschaft vermitteln, die mit den Menschen selbst zu tun hat. Schon bei dieser frühen Skulptur ist die Formbeherrschung bemerkenswert, das Gefühl für Proportion. Die Leichtigkeit, mit der sie den Realismus beherrscht, die Oberfläche modelliert und diese geradezu atmen lässt – und dabei Geschichten erzählt und auf feine Weise die Fantasie anregt.

Stefanie Wollenhaupt wurde 1961 geboren. Zunächst hat sie an der Fachhochschule Saarbrücken bei Oskar Holweck und Robert Sessler Grafikdesign studiert. Holweck, bei dem ihr die Grundlehre der bildenden Kunst als das „Handwerkliche“ vermittelt wurde, gilt mit seinen Buchobjekten als wichtiger Vertreter von ZERO, der gegenstandsfreien, oft in Weiß vorgetragenen Kunst, die ab den späten 1950er-Jahren einen avantgardistischen Neuanfang unternahm. Robert Sessler wiederum, der für Schriftgestaltung zuständig war, wurde mit seinem Buchstabensignet für Amnesty International berühmt. Vielleicht lässt sich in Stefanie Wollenhaupts heutiger Kunst das Interesse an punktgenauen Formlösungen und die anschauliche Verdichtung auf eine Aussage hin auf ihre Saarbrücker Ausbildungsstationen zurückführen – die technische Beherrschung und die Neugierde an Kunst waren natürlich weit davor angelegt.

Daneben aber steht heute die Verweigerung allzu großer (anonymer, austauschbarer) Perfektion. Ausgangspunkt ist das Material, das kann neben Stein und Ton mittlerweile ein Stück Holz sein. Sie lässt sich auf die von der Natur vorgegebenen Formen ein und entdeckt darin Figürliches, Theatralik oder Ruhe. Bei den Steinskulpturen äußert sich dies etwa in der zweiteiligen Anlage, die viele ihrer Arbeiten kennzeichnet. Die Teile können noch verbunden sein. Ein Beispiel dafür ist „Elle“ (2010): Die schwarze Figur wächst aus dem grauweißen Block heraus, aber es scheint, als befinde sich dieser bereits auf dem Rückzug und gäbe sie nach und nach frei. Die Oberflächen trennen die Partien deutlich. In der Formulierung von Urwuchs und Kultiviertheit aber kommen verschiedene Bewusstseinszustände zum Ausdruck. Überhaupt: Wollenhaupts Kunst ist natürlich nicht nur erzählerisch, sondern sie verinnerlicht Zustände des Daseins. Sie bringt Gefühle und eine erlebte Sicht auf die Welt zum Ausdruck. Im besten Sinne ist sie emotional. In „Sacre du printemps“ (2011) hat Stefanie Wollenhaupt dies weitergeführt: Die Partien haben sich nun gelöst, wie aus Freude über die gewonnene Freiheit tanzt die Figur. Im Steinblock aber ist noch ihr Schatten als Aussparung festgehalten, in der gleichen Farbigkeit wie die Figur selbst. Erneut kommt das Motiv der Geburt, das beim „Innen-Leben“ so wichtig war, zum Ausdruck: Das Gewinnen von machtvoller Individualität, das sogleich als Geschenk verdeutlicht wird. Das schließt auch nicht aus, dass die Aussparung im Stein als Grabkammer gelesen werden kann. Der Kreislauf des Lebens wird zum übergeordneten Thema. Der Stein mit seiner Aura der Ewigkeit erweist sich dazu als geeignetes Material. Mit seinem Glanz, aber auch seinen Schattierungen lenkt er noch die Aufmerksamkeit auf ein besonderes Phänomen: auf die Taktilität der Oberfläche. Wie gerne würde man diese berühren! Stefanie Wollenhaupt zelebriert das Spiel mit der Haut, welche den inneren pulsierenden Kern umfängt. Wichtig dabei ist ihr, das Wesen ihres Materials – dessen Härte und Weichheit, seine Struktur und Maserung, auch das Changierende des Farbtons – zu verdeutlichen.

Elle, 2010, Stearit, 65 x 23 x 23 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Ausschnitt Elle, 2010, Stearit, 65 x 23 x 23 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Stefanie Wollenhaupt mit Elle, 2010, Stearit, 65 x 23 x 23 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Le Sacre du Printemps, 2011, Stearit, 45 x 47 x 25 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Le Sacre du Printemps, 2011, Stearit, 45 x 47 x 25 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Dann fällt der Blick im Atelier auf die Fundstücke, Wurzeln auf einem der Tische. Sie sind Anregung, können selbst noch zu Skulpturen führen. Stefanie Wollenhaupt nimmt sie in die Hand, reicht sie weiter. Aber sie sind noch, ebenso wie Alltägliches, etwa Textilien und Stoffstücke, Grundlage für die Papierreliefs, die seit ein paar Jahren neben der Bildhauerei entstehen. Auch da spielt die Erfahrung mit den Fingern eine große Rolle: Stefanie Wollenhaupt legt die feuchte Zellulose über Gegenstände und Strukturen, die sie gefunden hat, etwa alltägliche Gerätschaften und Stücke von Stoff, und druckt diese Formen ab. Meist in Weiß, aber mittlerweile auch in anderen Farben, entstehen daraus etwa Raster, die als lebhaft rhythmische Struktur zwischen Ordnung und feiner Abweichung den Blick in tiefere Schichten ermöglichen („Structure 3“, 2015). Die dreiteilige Gruppe der „Whymos“ (2013) wieder wird kaum sichtbar, aber umso inniger, auf ihrer Oberfläche nuanciert. Wir sehen eine langgezogene, vertikale breite Bahn, welche mittig von Rand zu Rand führt und an ihren Kanten die Materie aufwirft wie Reifenspuren im Schnee – aber das wäre nur eine von vielen Deutungen, und Stefanie Wollenhaupt möchte eigentlich alles offenhalten und möglichst wenig an Interpretation vorgeben. Und sie hat ihre Papierreliefs auch in den Raum erweitert, etwa indem sie ein Hemd abgeformt und in seiner Bewegtheit fixiert hat („Gewandet 1“, 2014). Damit teilt sie leibliche Erfahrung mit, die noch als Stellvertreter für den Menschen fungiert.

Whymos 1,2,3, 2014, Papier, je 40 x 30 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Structure 3, 2015, Papier, 50 x 50 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Structure 4, 2015 , Papier, 60x60 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Gewandet 1, 2014, Zerkall Bütten, 107,5 x 76 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Gewandet 2, 2014, Zerkall Bütten, 107,5 x 76 cm
© Stefanie Wollenhaupt, Foto: Christian von Grumbkow

Aber ist das alles so viel anders als bei den Skulpturen? Schließlich genügt ihr als Farbe die ihrer Arbeitsmaterialien. Und Stefanie Wollenhaupt arbeitet überall mit den Händen und Fingern an der Nuancierung von Oberflächen im Widerstand gegen das Material. Daraus ergibt sich ein ganz wesentlicher, gemeinsamer Aspekt: Es geht um das Verhältnis von Fläche und Raum mit uns, dem Betrachter, als Gegenüber und Teilhaber.

 

Aktuelle Ausstellung:

Verlängert bis zum 19.06.2016: KÜNSTLER DER GALERIE – Galerie FlowFineArt (u.a. mit Werner Schlegel, Bettina Hachmann, Christian von Grumbkow, Gabriele Musebrink, Peter Royen), Rheinstraße 56, 51371 Hitdorf, www.flowfineart.com

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Profile

Stefanie Wollenhaupt wurde 1961 im Saarland geboren und studierte in Saarbrücken Grafikdesign, u.a. bei Oskar Hohlweck und Robert Sessler. Im Rahmen ihres anschließenden Lehramtsstudiums mit dem Schwerpunkt Kunst und Handwerk am Institut für Waldorfpädagogik in Witten widmete sie sich hauptsächlich der Bildhauerei. Seit 1998 unterrichtet Stefanie Wollenhaupt Kunst an der Freien Waldorfschule Oberberg. Darüber hinaus erteilt sie künstlerische Kurse in der Jugendstrafanstalt in Iserlohn und hält Seminare in der Erwachsenenbildung. Die Skulpturen und Papierarbeiten der Künstlerin wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt.

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