Hintergrund

Über die Lust und Kunst, Ruinen zu bauen

Mauerarbeiten an Pylonen, Säuberung alter Ziegelsteine, Aufrichten der Lehrgerüste, Markierungsspray und Siebdruckplatten … Da wo der Künstler wirkt, ist Baustelle. Und das Bauen wird selbst zum Bild.

Ein namhafter Discounter bot im Sommer 2016 ein kostengünstiges Bau-Set für die heimische Garten- und Terrassengestaltung an. Es ging um flexible Bausätze für eine „Ruine klein mit Fenster inklusive Sitzbank“ in den Farben Grau/Anthrazit bzw. Muschelkalk. Ebenso stand eine „Große Ruine in Z-Form“ im Angebot. Die rustikale Optik der Antikmur-Mauerblöcke, natürlich aus Beton, ließe sich nahezu in jede Garten- und Landschaftsgestaltung integrieren und verbinde sich harmonisch mit dem Umfeld. Geschaffen würde ein eigener antiker Rückzugsort, ein Flair aus der Antike, so die Anbieter.

„Fast schon Kunst – Ruinenterrasse vor standardisiertem Eigenheim auf Kunstrasen,“ entfährt es mir. „Dabei ist es alles andere als einfach, eine gute Ruine zu bauen“, kommentiert Clemens Botho Goldbach ironisch. Wir stehen amüsiert vor drei großen Tableaus mit Recherchematerial für die neue Installation „EURUIN“. Und er weiß, wovon er spricht. Bereits mit seinen ersten Installationen erregte der junge Bildhauer besonderes Aufsehen.

Zunächst verschleppte Goldbach als frischer Studienabgänger seine mittlerweile auf mehrere LKW-Ladungen zusammengewachsene Gehölzsammlung ins Kunsthaus Essen. Dabei folgte die wild-wuchernde Unordnung des „Waldinneren“ einer präzisen Konstruktion, die den Prinzipien romantischer Landschaftsmalerei verpflichtet war. Mit diagonal verlaufenden Ästen, Nah- und Fernansichten, Raumöffnungen und Raumverdichtungen verknüpfte der Künstler malerische Blickinszenierungen und skulpturale Bewegungschoreografien zu einem begehbaren Bild. Kurze Zeit später stellte er einen ganzen Wald auf den Kopf („waldbodenoberschicht“, 2007, Skulpturenmuseum Glaskasten Marl). In der Ausstellung „Menetekel“ für die Kölner Simultanhalle ging er noch einen Schritt weiter. Die Halle wurde kurzweg unter Wasser gesetzt. Wer den großzügig geschnittenen Ausstellungsraum betrat, befand sich überraschenderweise in einer kulissenhaften Wasserlandschaft. Ein wackeliger Steg aus Europaletten führte durch die fast perfekte Illusion eines pechschwarzen Waldteichs. Doch blitzten allerorten Metallplättchen hervor, die Äste verbanden – Nägel und Schrauben hielten zusammen, was einst in der Natur zusammengewachsen war.

waldbodenoberschicht, Fläche: ca. 64 m², Höhe ca. 3 m / 3,70 m (Raumhöhe), Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl 2007/08
© Clemens Botho Goldbach

waldbodenoberschicht, Fläche: ca. 64 m², Höhe ca. 3 m / 3,70 m (Raumhöhe), Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl 2007/08
© Clemens Botho Goldbach

Gregor Gleiwitz und Clemens Botho Goldbach, Menetekel, Fläche: 75,80 m² (gesamt), Wasserfläche: 65,40 m², Wassertiefe: ca. 0,6 m, Simultanhalle – Raum für zeitgenössische Kunst, Köln, 2008
© Gregor Gleiwitz, Clemens Botho Goldbach

Gregor Gleiwitz und Clemens Botho Goldbach, Menetekel, Fläche: 75,80 m² (gesamt), Wasserfläche: 65,40 m², Wassertiefe: ca. 0,6 m, Simultanhalle – Raum für zeitgenössische Kunst, Köln, 2008
© Gregor Gleiwitz, Clemens Botho Goldbach

ruine auswärtiges amt, H: 5,80 m B: 5,70 m T: 1,30 m, Montag Stiftung Bildende Kunst, Bonn 2010
© Clemens Botho Goldbach

ruine auswärtiges amt, H: 5,80 m B: 5,70 m T: 1,30 m, Montag Stiftung Bildende Kunst, Bonn 2010
© Clemens Botho Goldbach

EDENA, H: 5,50 m B: 11,00 m T: 8,00 m, „Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst“, Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Niedersachsen 2011
© Clemens Botho Goldbach

EDENA, H: 5,50 m B: 11,00 m T: 8,00 m, „Kunst fürs Dorf – Dörfer für Kunst“, Deutsche Stiftung Kulturlandschaft, Niedersachsen 2011
© Clemens Botho Goldbach

RUINE ROTUNDE 5 EUR, Portal: H: ca. 2,90 m B: ca. 6,00 m T: ca. 1,50 m / 12 Säulenfundamente : 24 x 88 x 88 cm, KUNSTfindetSTADT, ein Kunstprojekt im Stadtraum von Wolfenbüttel, 2012
© Clemens Botho Goldbach

BROTHER, Clemens Botho Goldbach: CODEX, H: 2,80 m B: 3,80 m T: 4,10 m, GWK-Förderpreise Kunst, Kunstverein Arnsberg / Kloster Wedinghausen, 2013
© Clemens Botho Goldbach

BROTHER, Clemens Botho Goldbach: CODEX, H: 2,80 m B: 3,80 m T: 4,10 m, GWK-Förderpreise Kunst, Kunstverein Arnsberg / Kloster Wedinghausen, 2013
© Clemens Botho Goldbach

B, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, 2015, H: 2,00 m B: 2,75 m T: 1,50 m
© Clemens Botho Goldbach

Aus der Konfrontation von Natürlichem und Künstlichem, der Umkehrung von Außen- und Innenraum, beziehen die Arbeiten von Clemens Botho Goldbach ein wesentliches Spannungsmoment. Dabei schließen vor allem die frühen Arbeiten das „Simulakrum“ eines Naturerlebnisses ein, das alle Sinne des Betrachters – Auge, Gehör, Geruch und Taktiles – aktiviert. Nachdem das mehrfach kreislauffähig gemachte, mumifizierte Gesträuch akribisch inventarisiert, dokumentiert, präsentiert und eingelagert wurde, war mit den „Naturstücken“ erst mal Schluss.

Zurück ins Atelier.
Clemens Botho Goldbach, geboren 1979 in Köln, studierte an der Kunstakademie Münster Freie Kunst, zunächst bei Professor Gunther Keusen, und schloss dann nachfolgend als Meisterschüler bei Professor Daniele Buetti ab. Ersterem verdankt Goldbach ein solides Rüstzeug für grafische Reproduktionstechniken und eine poetische Annäherung an die Qualität des Materiellen. In Auseinandersetzung mit dem Schweizer Künstler Buetti hingegen entwickelte er eine eigene Spielart konzeptueller Ansätze, die Goldbach selber als „Magischen Konzeptualismus“ bezeichnet. Seit 2009 lebt der Bildhauer in Düsseldorf. Erst vor Kurzem wechselte er aus der Friedrichstadt nach Eller, wo er ein Atelier mit großem parkähnlichem Außenareal bezog. Hier stehen im Probeaufbau auch die jüngst entstandenen Skulpturen für die Ausstellung in Siegburg: Zwei großformatige Sperrholzassemblagen, aufwendige 3-D-Übersetzungen und Verkörperungen der idealtypischen, hybriden Portikusarchitekturen, die den 50-Euro-Schein verzieren.

Clemens Botho Goldbach
Clemens Botho Goldbach, Foto: Su jeong Shin-Goldbach

„Mit der Auseinandersetzung mit historischer und vor allem romantischer Landschaftsmalerei war es ein sowohl naheliegender als auch zwingender nächster Schritt, mich mit der Ideen- und Materialgeschichte konstruierter Ruinen zu beschäftigen“, erläutert Clemens Botho Goldbach. Konkreter Auslöser war dabei das erste Außenraumprojekt des Künstlers auf einer Bauschuttdeponie in der Nähe von Hannover/Ronnenberg. Der renaturierte Berg aus Schutt bot alles, was das künstlerische Handwerkerherz begehrt: Kalksandstein-Mauersteine, alte Ziegelsteine, Backsteine, Gehweg- und Betonplatten. Was fehlte, wurde per Internet gesucht und ersteigert: Armierungseisen oder gar ein gotisches Kapellenfenster. Seither ist das Ruinenmotiv nicht mehr wegzudenken aus den folgenden Installationen des Künstlers. Und seither arbeitet Goldbach am liebsten „in situ“, vor Ort, und in akuter Auseinandersetzung mit den räumlichen und gegenwartsbezogenen Begebenheiten eines Ortes. Da wo der Künstler wirkt, ist Baustelle.

„Betreten der Ruine verboten!“

 

Wie selbstverständlich und ebenso absurd Ruinenarchitektur mit zeitgenössischer Architektur verbunden werden kann, zeigte er mit zwei Arbeiten. Auf dem Gelände des Auswärtigen Amts in Bonn schuf er 2010 an dem zur Straße liegenden Barackenbau den Anbau eines gotischen Kapellenfragments. Dieser schien so authentisch, dass trotz aller Widersprüchlichkeit sein Vorhandensein kaum mehr infrage gestellt wurde. Stutziger machen durfte hingegen der Ruinenannex an der Kunsthalle Wilhelmshaven. Denn in der Marinestadt, die erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wurde und wuchs, waren gotische Ruinenfragmente sichtlich fehl am Platz. Beiden Projekten gingen nicht nur intensive Recherchen voraus, die später in aufwendigen Assemblagen auf schwarzen Bauplatten mit ausgestellt wurden. In nahezu performanceartiger Durchführung installierte der Künstler regelrechte mobile Bauhütten und ließ die Öffentlichkeit an den Baufortschritten teilhaben und bisweilen auch mitwirken. Auf die auf Baustellen üblichen Haftungsreglements wurden selbstredend hingewiesen: „Betreten der Ruine verboten! Eltern haften für ihre Kinder!“

Goldbachs Baulust ist exzessiv. Der Künstler schleppt und baut fast alles selber, ist telefonisch meist auf Materialtransporten abzufangen, gibt nur in Auftrag, was er nicht alleine bewältigen kann und bleibt dabei Bauherr, Bauverwalter und Werkmeister zugleich. Das stört bisweilen auch den üblichen institutionellen Betriebsablauf. Eine Anekdote, die mir Goldbach erzählt: „Ich stehe um 8 Uhr morgens in meiner Arbeitsmontur vor der Kunsthalle Wilhelmshaven vor verschlossener Tür und warte, dass jemand kommt. Da kommt ein älterer Herr und spricht mich an. Wen ich denn suchen würde? Ich sage: Niemanden. Ich bin der Künstler der nächsten Ausstellung. Darauf der Mann: Nein, sie sind nicht der Künstler, es ist Montagmorgen 8 Uhr.“ Eine Geschichte, von der auch manche/r Kurator/in ein Lied zu singen weiß.

Goldbachs künstlerische Qualitäten sind akribische Sorgfalt, Genauigkeit, handwerkliches Können und Präzision, Durchgestaltung und Finish. Hinzu kommt ein damit verbundener intensiver, fast unwirtschaftlicher Zeit- und Energieeinsatz. Goldbachs Qualität ist somit in gewisser Weise auch das, was ihm im hippen Kunstbetrieb fehlt: die selbstbewusste Geste der Coolness, die schnell realisierte Idee, der pointierte Wurf.

Auf den Tischen im Atelier liegen zahlreiche Bücher, darunter Günther Bindings „Baubetrieb im Mittelalter“, antiquarische Fachbücher wie „Der Maurer“ oder „Die Holzkonstruktionen“, Matthias Nawrats Roman „Unternehmer“, Bildbände zu romanischer und gotischer Architekturgeschichte, Postkarten, Kopien historischer Architekturpläne. Besonders exponiert findet sich die Kopie des „St. Galler Klosterplans“, der als erster überlieferter Plan der Architekturgeschichte gilt. Und nicht zuletzt die kleine, aber feine Übersichtsdarstellung „Die Architektur der Abwesenheit – Über die Kunst, eine Ruine zu bauen“ von Kai Vöckler. Sie wurde 2009 im gleichen Jahr der ersten „Ruinenarchitektur“ des Künstlers veröffentlicht. Und parallel zu themennahen Ausstellungen wie „Fusion / Confusion. Zur Kunst der Referenz“ im Museum Folkwang, 2008, oder die von Sabine Folie kuratierte Ausstellung „Die Moderne als Ruine: eine Archäologie der Gegenwart“ in der Generali Foundation Wien, 2009.

Die Stadt Rom als Inbegriff der „ewigen Ruine“

Wir kommen schnell zur Diskussion und tauchen ab in die Kunstgeschichte. Rom, die Ewige Stadt als Inbegriff der „ewigen Ruine“ wurde weniger von den Vandalen zerstört als über Jahrhunderte vernachlässigt und vor allem im Mittelalter als Steinbruch verwendet; Recycling-Konzepte der alten und unerschütterlichen Art. Erst mit der Renaissance rückte ein ästhetischer Umgang mit der Ruine in den Blick. Dabei finden sich zwei immer wiederverkehrende Motive. Zunächst die Vanitas-Vorstellung, die die Vergänglichkeit alles Irdischen hervorhebt. Und zum anderen die Beschwörung vergangener Größe, von der sich die Begründung und Vision für eine zukünftige Bedeutung von Architektur und Stadt ableiten ließ. Bereits Giovanni Battista Piranesi (1720–1778) hatte die wirklichkeitsgetreuen, archäologischen Darstellungen von Ruinen durch fantastische Darstellungen ergänzt. Besonders bekannt wurden die von Hubert Robert (1733–1808) ins Bild gerückten zukünftigen Ruinen wie die der „Grande Galerie du Louvre“ (1796); imaginierte Architekturen einer unbestimmten Zukunft. Schnell spielte es keine Rolle, ob eine Ruine künstlich oder authentisch war. Die künstliche Ruine als Schöpfung der Einbildungskraft schien der tatsächlichen Ruine (Archäologie ist müßig!) sogar bald überlegen, denn sie vermochte einem Ort ein fiktives Gedächtnis zu verleihen, ihn an die Kultur der Antike anzuschließen, ohne dass diese dort präsent gewesen sein musste. Dabei kopierte man real-existierende Ruinen lange vor der Globalisierung an unerwarteten Orten: Die Cestius-Pyramide in Rom fand ihre Wiedergeburt im Ruinengarten in Potsdam, das Grab des Vergil in Neapel im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel und die Sieben Säulen des Portikus des Forum Romanum als Nachbildung im Georgium in Dessau.

Aus christlicher Perspektive war die Kunst lange der Natur überlegen. Zugleich galt die Ruine auch als Zeichen der Rache der Natur, die gegen ihren Geist geformt wurde. Und sie wurde darin zu einer neuen Bauaufgabe. All diese historischen Kontexte scheinen im aktuellen Architekturdiskurs kaum mehr von Belang. Vielmehr drängt sich immer häufiger die Vermutung auf, dass die Zukunft eines Bauwerkes heute allein aus monetären Gründen in seiner Ruinierung liegt. Die zunehmende Verfallszeit und kurzfristige Abschreibungsdauer zeitgenössischer Bauprojekte wird allerorten beklagt, jüngst am Beispiel des Sanierungsfalls „Bundeskanzleramt“. Eine Verfallszeit, bei der aufwendige Architekturen – ob gewollt oder nicht – gerade einmal der Lebensdauer „anspruchsvoller Toaster“ standzuhalten wissen, wie Gerhard Metzig in einer jüngsten Architekturkritik treffend polemisch zusammenfasste.

Auch wir wollen an dieser Stelle nicht der Häme und Spottlust über aktuelle, höchst frustrierende Bauprojekte im Lande folgen, dennoch zeigt sich seit einigen Jahrzehnten und vor allem im Zeitalter zunehmender neoliberaler Bauspekulationen, dass der nachhaltigen Zukunft eines Bauwerkes nur mehr geringe Bedeutung zukommt. Ein neuer Ruinenkult also, eher ein Kollateralschaden, der darin besteht, dass ein erst im Entstehen begriffenes Bauwerk unvollendet bleibt, sozusagen seine Gegenwart überspringt und in einem unentschiedenen, paradoxen Zustand zwischen Vollendung und Auflösung verharrt.

EURUIN 5 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 2,45 m B: 3,85 m T: 1,00 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 5 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 2,45 m B: 3,85 m T: 1,00 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 50 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 3,90 m B: 4,45 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 50 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 3,90 m B: 4,45 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 50 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 3,90 m B: 4,45 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 500 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 4,71 m B: 2,97 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 500 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 4,71 m B: 2,97 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN 500 EUR, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, H: 4,71 m B: 2,97 m T: 10,50 m, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN Material, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN Material, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

EURUIN Material, Clemens Botho Goldbach: EURUIN, Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis, Siegburg, 2016
© Clemens Botho Goldbach

Auch wenn sich Clemens Botho Goldbachs Installationen nicht in direktem Zusammenhang zu tagespolitischen Architekturdebatten einordnen lassen, ist es doch die intensive Auseinandersetzung mit historischen und gegenwärtigen Baumaterialien, den Auswüchsen gewinnoptimierter Billigarchitektur, Widersprüchlichkeiten von Qualitätsvorstellungen und Authentizität, die ihn zu einer inhärenten Architekturkritik führen.

Dass die zu Stein gewordene Geschichte oft nur ein Echo ihrer selbst ist, demonstrierte er bei seiner Intervention vor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Anlass für das Konzept bot der zehnjährige Geburtstag der Euro-Währung. Legendär die Rotunde der Bibliothek, längst durch einen wilhelminischen Neubau ersetzt. Goldbach nutzte die Ähnlichkeit des ursprünglichen Aufrisses der damals abgerissenen Rotunde mit dem Motiv des heutigen 5-Euro-Geldscheins. Dessen portikusähnliche Stellvertreterarchitektur bildete er mit einfachen Ytong-Porenbetonbausteinen nach. Ebenso rekonstruierte er die zwölf Pfeilerfragmente auf dem Vorgelände, die zugleich an die Sterne der Europaflagge erinnerten. Die archäologische Rekonstruktion aus billigem zeitgenössischem Baumaterial thematisierte damit nicht zuletzt den praktizierten Habitus kostengünstiger, historisierter Fassadenarchitektur. In seiner jüngsten Installation „EURUIN“ geht er erneut der auf den Geldscheinen der europäischen Union manifestierten idealisierten Architekturgeschichte nach. Die zeigt sich motivisch mit Brücken und Aufrissen, einer hochwertigen Papierqualität und unzähligen Finessen gegen Kopierbarkeit und Fälschung. Dass gerade der 500-Euro-Schein, der als Anlass zur schleichenden Abschaffung des Bargelds zur Diskussion steht, ein Abbild moderner Architektur repräsentiert, mag als ironischer Zufall gelten.

„Doch wo liegen heute noch die Zukunftsversprechen?“

„Dass das Bauen selbst im Ruinieren des Bestehenden gründet, wird häufig durch Gründungsfantasien und deren Zukunftsversprechen verdeckt“, kommentiert Goldbach. „Doch wo liegen heute noch die Zukunftsversprechen?“ Die legosteinartigen Discounter-Ruinen sind daher nicht einmal als billige Kopien und kaum als populär-kulturelles Echo einer über dreihundert Jahre verspäteten Kulturgeschichte zu bezeichnen. Eher als Surrogate eines künstlichen Trash-Lifestyles. Ruinöses leistet sich nur, wer mit Eigenheim abgesichert ist. So wie die Destroyed-Denim den Shopping-Addict ziert, der bereits Stapel von Jeans-Hosen im Kleiderschrank hortet. Diese Inszenierungen diskreditieren die Idee der Zeit und die des Kreislaufs der Dinge.

Geschichte wird derzeit allerorten umgeschrieben, allerdings eher als ein reines, faktenunabhängiges Konstrukt, als wäre die Geschichtswissenschaft seit der Aufklärung nur zur kurzweiligen Unterhaltung erfunden worden. Im Zeitalter der Spekulation ist alles gültig geworden, was durchdringend behauptet werden kann. Daher bleibt es wichtiger künstlerischer Auftrag, tiefer zu graben.

Auf einen Blick

Ausstellung: Clemens Botho Goldbach: EURUIN
Ort: Kunstverein für den Rhein-Sieg-Kreis e.V.
Pumpwerk Siegburg
Bonner Straße 65
53721 Siegburg
Tel. +49-(0)2241-971420
Dauer: bis 18. November 2016; Eintritt frei
Internet: www.kunstverein-rheinsieg.de

gwk_logoDie Ausstellung wird gefördert durch die Gesellschaft zur Förderung der westfälischen Kulturarbeit (GWK).

 

 

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Profile

Geboren 1979 in Köln, studierte Clemens Botho Goldbach Freie Kunst an der Kunstakademie Münster bei den Professoren Gunther Keusen und Daniele Buetti, bei denen er Meisterschüler war. 2006 schloss er sein Studium mit dem Akademiebrief ab, realisiert seitdem meist ortsbezogene Arbeiten im In- und Ausland und erhielt für seine Arbeiten Stipendien und Preise. Clemens Botho Goldbach lebt in Düsseldorf.
(Profil-Foto: Sabine Maria Schmidt)

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